Die Meldung mag manch einen stutzig gemacht haben: Der Gehörlosenverein Kulmbach lädt am Sonntag, 19. Mai, um 14.30 Uhr in sein Vereinsheim in der Muffelstraße in Kulmbach-Weiher zum Gebärdencafé ein. Was hat man sich darunter vorzustellen? Das wollten wir von Vorstandsmitglied Sabine Jaye wissen. Was bezwecken Sie mit der Veranstaltung? Sabine Jaye: Der Gehörlosenverein Kulmbach möchte mit dem Gebärdencafé hörenden Menschen zeigen, wie wir Gehörlosen und Hörgeschädigten kommunizieren. Barrieren können nur gemeinsam abgebaut werden. In Deutschland benutzen wir die Deutsche Gebärdensprache (kurz: DGS), die seit 2002 eine gesetzlich anerkannte Sprache ist. Gebärdensprache ist eine bildhafte und lebendige Sprache, die Gebärden, Mimik, Gestik, Mundbild und Körpersprache auf eine einzigartige Weise kombiniert und damit die Voraussetzung schafft, sich über jedes beliebige Thema, komplizierte Sachverhalte und verschiedenste Fachgebiete ebenso wie über Gedanken und Emotionen auszutauschen. Die Deutsche Gebärdensprache ist das Verständigungsmittel, die Basissprache der Gehörlosen und zugleich die Muttersprache. Die Gehörlosengemeinschaft wird deshalb auch Gebärdensprachgemeinschaft genannt.

Lässt sich ungefähr sagen, wie viele Prozent aller nicht betroffenen Menschen die Gebärdensprache beherrschen?

Nein, das lässt sich nicht sagen. Generell ist es so, dass Kinder betroffener Eltern durch ihre Eltern von klein auf die Gebärdensprache lernen, also quasi bilingual aufwachsen. Häufig beherrschen auch Geschwisterkinder die Gebärdensprache. Einige hörende Eltern, die gehörlose Kinder haben, erlernen die Gebärdensprache, um mit ihrem Kind von Anfang an kommunizieren zu können. Es wird auch empfohlen, dass Kinder mit einer Cochlea Implantat-Versorgung gleichzeitig zur Lautsprache auch die Gebärdensprache lernen sollen.

Wo kann man die Gebärdensprache erlernen?

An Volkshochschulen kann man Kurse belegen. In der VHS Kulmbach wird ein solcher Kurs angeboten. An der Hochschule in Landshut gibt es ein Studienfach "Gebärdensprachdolmetschen", das mit einem Bachelor abgeschlossen werden kann.

Wie lange dauert es, bis man sich halbwegs verständigen kann?

Um die Deutsche Gebärdensprache zu erlernen, bedarf es jahrelanger Übung. Ständiger Kontakt mit der Gebärdensprachgemeinschaft ist unbedingt notwendig. Es ist vergleichsweise wie das Lernen einer Fremdsprache wie Englisch oder Französisch.

Was wünschen sich gehörlose oder schwer hörbehinderte Menschen von ihren Mitmenschen?

Gehörlosigkeit ist eine unsichtbare Behinderung. Häufig stoßen wir auf Barrieren. Da kommt zum Beispiel ein Radfahrer von hinten, der beim Näherkommen klingelt und dann schimpft, weil der gehörlose Mensch nicht gleich zur Seite geht. Wir wünschen uns mehr Verständnis für unsere Problematik. Wir wünschen uns mehr Menschen, die bereit sind, die Grundlagen der Gebärdensprache zu lernen. Vor allem in den Ämtern (Stadtverwaltung, Polizei, Landratsamt) oder in den Kliniken wäre es schön, wenn ein oder zwei Personen Gebärdensprache können.

Wo gibt es im Alltag die schlimmsten Einschränkungen?

Im Alltag stoßen wir immerzu auf Barrieren. Ich empfehle dann gerne den Hörenden, sich gute Ohropax zu kaufen und mal 24 Stunden damit im Alltag zu leben. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender untertiteln etwa 90 Prozent der Sendungen. Werbeblöcke sind nicht untertitelt. Bei den privaten Sendern schaut es ganz anders aus, da sind viel weniger Sendungen untertitelt. Unsere Forderung ist: 100 Prozent Untertitel bei allen Fernsehsendern. Gehörlose oder hörgeschädigte Menschen haben ständig behinderungsbedingte Mehrausgaben.

Deswegen wurde auch eine Petition ins Leben gerufen, die noch bis zum 30. September läuft (www.openpetition.de - Forderung eines bayerischen Gehörlosengeldes/Änderung des bayerischen Blindengeldgesetzes) . Bis jetzt haben knapp 6900 Menschen diese Petition unterstützt, 10 000 Unterschriften werden für das Quorum benötigt.

Wie kann ich mich mit gehörlosen Menschen verständigen, wenn ich die Gebärdensprache nicht beherrsche?

Wichtig sind der Blickkontakt und ein deutliches, klares Mundbild. Langsam sprechen, auf ausreichende Beleuchtung achten. Nicht schreien oder laut sprechen. Wir hören es nicht. Falls es Probleme gibt, helfen auch ein Blatt Papier und ein Stift.

Hat die moderne Technik (Smartphone, WhatsApp, Facebook) die Situation gehörloser Menschen wenigstens etwas erleichtert?

Ja, es gibt mittlerweile Apps mit Spracherkennung; auch hier muss man langsam und deutlich wie auch in einfachen Sätzen sprechen. Leider gibt es noch kein deutschlandweites, einheitliches Notrufsystem für Gehörlose, sondern regionale Apps um einen Notruf absetzen zu können, zum Beispiel "HandHelp". Wer ist zum Gebärden-Café eingeladen?

Wir haben eine Reihe von Politikern und auch die Nachbarn aus der Muffelstraße eingeladen. Aber auch alle anderen Interessierten sind willkommen. Es soll eine zwangslose Veranstaltung sein, ein Besuch in einem Café, in dem gebärdet wird.