"Himmelherrgott, ich erschieß Sie, Sie Rind, Sie Ochs, Sie Idiot, Sie. Sind Sie blöd?” "Melde gehorsamst, ich bin blöd, Herr Oberlajtnant. Jeder kann nicht gescheit sein. Wenn jeder gescheit wär, so müsst auf der Welt bald so viel Verstand, dass jeder Zweite davon ganz blöd wird, Herr Oberlajtnant." So die Sicht des "Braven Soldaten Schwejk" in Jaroslav Hašeks Schelmenroman, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg erschienen ist. Der Herr Offizier und sein Putzer - man kann sie vier Jahre lang auch auf der Plassenburg beobachten - als Kriegsgefangene.

Gefangene von Tannenberg

Als die 339 russischen Zivilgefangenen Mitte September 1914 die Burg geräumt haben, steht die Burg nur kurz leer. Am 13. Oktober wird die Stadt von der Intendantur des 3. Armee-Corps angewiesen, sich auf die Aufnahme mehrerer hundert Offiziere nebst Bedienungsmannschaften vorzubereiten. Zunächst zieht am 15. November das 150-köpfige Wachkommando des 6. Landwehr-Infantrie-Regiments Erlangen in den Kasernenbau ein. Fünf Tage später rücken die ersten Gefangenen an: 300 russische Offiziere aus der Schlacht von Tannenberg. An ihrer Seite haben sie 30 Burschen. Am 25. Februar 1916 folgt mit 300 französischen Offizieren der nächste Schub. Bis 1917 pendelt die Zahl der Gefangenen um 600 Mann. Erst danach geht sie durch die Verlegung der Franzosen zurück. Am 10. Oktober 1918 sind nur noch Russen einquartiert, 352 Offiziere und 68 Mannschaftsgrade. Damit hat die Burg den größten Teil russischer Offiziere, die zu diesem Zeitpunkt in den sieben bayerischen Lagern festgehalten werden (insgesamt 510).

Logistische Meisterleistung

Hunderte von Leuten mit Brot, Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Eier, Obst, Gemüse, Kolonialwaren zu versorgen, verlangt eine aufwendige Logistik. Im September 1914 fragt Bürgermeister Flessa bei der Bäcker- und Fleischer-Innung an, ob sie bis zu 2000 Burg-Insassen versorgen können. Es wird signalisiert: kein Problem. Bemerkenswert in einer Zeit zunehmender Versorgungs-Engpässe. Die Speisepläne lassen eine vielseitige Kost erkennen. Ein Auswahlmenü zu Mittag mit Vor- und Nachspeise ist für die Offiziere Standard. Tabakwaren und Spirituosen können in der Kantine erworben werden. Da die Offiziere nicht arbeiten dürfen, müssen einfache Dienstgrade ran. Sie sind für den Küchen- und Reinigungsdienst zuständig, schrubben Latrinen, entsorgen Müll und transportieren auf Pferdegespannen Lebensmittel und Pakete den Berg hoch.

Kampf der Langeweile

Die Offiziere vertreiben sich die Zeit mit Spaziergängen, mit Tennisspielen, vor allem aber mit musisch-künstlerischen Aktivitäten: Sie basteln, malen, zeichnen, gestalten Plakate und präsentieren die Arbeiten in Ausstellungen. Sie gründen ein Orchester mit Konzertabenden. Polka und Mazurka stehen auf dem Programm, doch auch Verdi, Lehár, Bizet und Offenbach. Viele finden ihr Vergnügen beim Theater. Einstudiert werden Komödien (zum Beispiel Gogols "Revisor"), doch meist selbstgeschriebene Texte: Varieté, Revuen, Kabarett-Nummern. Frauen-Partien sind stets groß dabei, gespielt selbstredend von den Männern. Nach den vorhandenen Fotos zu urteilen mit großem Erfolg. Es lässt sich kein besseres Publikum für das Theater denken, als ein durch gleiches Leid zusammengeschweißtes, frauenhungriges.