Als die 16-Jährige ins Kulmbacher Klinikum eingeliefert wird, ist sie fast bewusstlos. "Komatös", sagt die Leitende Oberärztin Marion Luft von der Notaufnahme. "Das Mädchen hat nicht mal gemerkt, dass wir eine Magensonde gelegt haben."

Der erfahrenen Ärztin fällt es nicht schwer, eine Diagnose zu stellen: Hier ist eine Kräutermischung im Spiel, die immer mehr Jugendliche in Deutschland rauchen und die ganz leicht übers Internet zu bekommen sind. Es handelt sich um so genannte "Legal Highs" (legale Rauschmittel), die aber eine verheerende Wirkung haben.

Apathisch oder aggressiv
Als Erster bekommt es Notarzt Oliver Schleelein mit den Konsumenten der Kräuterdrogen zu tun. Seine Erfahrungen: total unterschiedlich. "Die einen sind völlig apathisch und können sich nicht mehr rühren. Andere werden richtig aggressiv. Einer ist auf die Rettungssanitäter und die Polizisten losgegangen. Er wurde gefesselt und mit Medikamenten ruhiggestellt, sonst hätte ich ihn nicht untersuchen können", so Schleelein.

"Die Kinder, die wir kriegen, haben Horrortripps", sagt seine Kollegin. "Einer hat gemurmelt, dass er uns hört, dass er aber nicht reagieren kann."

Panikattacken und Angststörungen
Mit Kindern, von der Wirkung der Kräutermischungen niedergestreckt, die völlig austicken, Halluzinationen, Panikattacken oder Angststörungen haben und nicht mehr kontaktfähig sind, bekommt es das Klinikum vermehrt zu tun. Gefunden im Stadtpark, aufgegriffen am ZOB oder in der Schule zusammengebrochen: "Wir beobachten das schon länger", so Marion Luft, "aber in den letzten Wochen hat's massiv zugenommen." Um die 20 Jugendlichen - der jüngste gerade mal elf Jahre alt - haben die Ärzte behandelt. Komasaufen ist in den Hintergrund getreten.

Kräutermischungen zu rauchen, ist ein in ganz Deutschland zu beobachtender Trend. Unglaublich: Eine einzige Suchanfrage im Internet reicht, und man landet sofort auf der Seite eines Shops, wo solche "Legal Highs" mit warmen Worten angeboten werden: "Entspannen, loslassen & die Wirkung genießen. Kommt mit uns auf eine chillige Reise." Der Onlineverkauf ist durchorganisiert: Kunden können wählen zwischen "Hausmarke", "Preishammer" oder "Partypillen".

Riesengewinne für die Händler
So was bringt Peter Stenglein in Rage. Das Verführungspotential für Jugendliche ist groß, und für die Händler geht es um Riesengewinne, betont er: Drei Gramm Kräutermischung werden für etwa 20 Euro verkauft, während die Herstellung Centbeträge kostet.

Den Kriminalhauptmeister von der Bayreuther Kripo, der sich professionell mit Drogenberatung beschäftigt, ärgert es, dass der Polizei weitgehend die Hände gebunden sind: "Wenn eine Substanz verboten wird, reagieren die Händler sofort. Der Gesetzgeber müsste handeln und ganze Substanzgruppen verbieten." Österreich und die Schweiz hätten es vorgemacht.

Viele Kinder kennen Horrorstorys
Der Beamte, der viel an Schulen unterwegs ist, berichtet: "Wenn ich 2010 gefragt habe, wer Legal Highs kennt, waren es noch wenige. Heute nicken schon drei Viertel der Klasse oder können Horrorstorys erzählen." Nach seinen Worten hat das Problem mit der Pubertät zu tun, es geht um Probierverhalten: "Das erste Mal Alkohol, das erste Mal rauchen, das erste Mal Haschisch - oder eben Kräuter." Das Probieralter liegt zwischen zwölf und 16 Jahren, Mädchen sind weniger anfällig.

Eltern sind weitgehend ahnungslos, wenn sich die Kinder mit Teemischungen, parfümiert oder nicht parfümiert, beschäftigen. Sie ahnen nichts von den verheerenden Wirkungen der "legalen" Designerdrogen.

Dabei, so der Experte der Polizei, steigt das Risiko, in den Sumpf hineingezogen zu werden, mit dem Umfeld der Jugendlichen. "Bin ich in einer Kifferclique, werde ich kiffen, wird in der Gruppe Alkohol getrunken, werde ich auch saufen - und genauso läuft es mit den Kräutermischungen." Gruppenzwang, cool sein zu wollen, nicht ausgeschlossen zu werden - all das spielt eine Rolle.

Streetworker "dringend notwendig"
Der Polizeiexperte, Kreisjugendpfleger Jürgen Ziegler und der Jugendsprecher des Kreistags, Krankenpfleger Frank Wilzok, sind sich einig, dass es sich um eine gesamtgesellschaftliche Problematik handelt, die sich quer durch alle Schichten zieht (siehe auch Bericht auf Seite 13). "Wir müssen alle genau hinschauen", sagt Peter Stenglein und fordert einen Streetworker ("dringend notwendig") für Kulmbach: "Es ist erstaunlich, wie schwer man sich damit tut."

Langfristig setzt der Drogenpräventionsbeamte auf professionelle Beratung in den Schulen: "Das kostet Geld, aber man braucht hier Profis und Zeit." Es seien schon zu viele Präventionsprojekte gescheitert. "Wir müssen die Leute zum vernünftigen Konsum erziehen." Und es gehe darum, die Gefühle der Kinder anzusprechen, "denn es interessiert sie nicht, ob sie später Lungenkrebs kriegen oder ob Drogen krank machen".

Nierenschäden und Herzinfarkt
Wie sich die Kräutermischungen, die im Blut oder Urin nicht nachweisbar sind, langfristig auf die Gesundheit auswirken, ist bisher nicht bekannt. Aber auch die kurzfristigen Folgen sind beträchtlich. Notarzt Schleelein zählt sie auf: Nierenschäden, Atemaussetzer, Herzinfarkt, Ersticken am Erbrochenen.

"Wir können darauf warten, dass wir den ersten Toten haben", meint Frank Wilzok. Anderswo hat es schon Todesfälle gegeben.




Die Polizei rät: Was Eltern tun können
Mein Kind hat gefährliche Kräuter geraucht oder bewegt sich in einer Clique, wo solche Mischungen kursieren. Eltern, meist völlig ahnungslos, fragen: Was können wir tun?
Der Experte der Kripo Bayreuth, Peter Stenglein, rät:
  • Reden Sie in einer entspannten Gesprächssituation mit Ihrem Sohn/Ihrer Tochter. Bleiben Sie ruhig und sachlich. Verhörartiges Ausfragen bringt nichts.

  • Machen Sie klar, dass Sie sich Sorgen machen. Teilen Sie Ihre Ängste mit und vermeiden Sie Unterstellungen und Verdächtigungen.

  • Wichtig ist, dass Sie eine klare Haltung zum Drogenkonsum einnehmen. Sprechen Sie auch den eigenen Umgang mit Suchtmitteln an. Vorbildfunktion ist gefragt.

  • Verbote, Vorwürfe und Drohungen helfen meist nur wenig.

  • Vermeiden Sie Pro-und-Kontra-Debatten. Generell gilt: Es gibt keinen Drogenkonsum ohne Risiko.

  • Mit einem Gespräch wird sich nicht alles klären lassen. Setzen Sie sich Teilziele. Es ist schon einiges erreicht, wenn Sie Ihren Standpunkt in Ruhe klaragemacht haben. Vereinbaren Sie gemeinsame Regeln und bleiben Sie im Gespräch.

  • Wenn Sie sich überfordert fühlen, ist es wichtig, sich professionelle Hilfe und Unterstützung von außen zu holen. Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle.

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Kontakt: Kriminalhauptmeister Peter Stenglein, Telefon 0921 / 506-2053; E-Mail peter.stenglein01@polizei.bayern.de; Beratungsstelle in Bayreuth, Friedrichstraße 14.

Legal Highs: Unter dem Sammelbegriff "Legal Highs" werden Fertigprodukte vermarktet,die psychoaktive, synthetische Wirkstoffe enthalten. Meist sind die Rauschmittel in bunten Tüten verpackt. Die Kräutermischungen tragen exotische Namen wie "Miami Beach" oder "Millenium Gold". Da viele Legal-High-Wirkstoffe noch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, ist die rechtliche Situation derzeit sehr unübersichtlich.