In der Webergasse liegt Sperrmüll. Aus dem grau-braun-beige-farbenen Berg sticht ein Farbtupfer heraus: Ein rosa Schreibtisch, gut erhalten, auf der verstellbaren Platte ist kein Kratzer zu entdecken. Nebendran steht ein Kinderbett, massives Holz, weiß lackiert, samt Lattenrost. Auch das: in bestem Zustand.

Muss man so etwas wegwerfen? Eigentlich sind die Möbelstücke viel zu schade für die Müllpresse. Andererseits: Wohin damit? In Kulmbach gibt es keinen Markt für gebrauchte Möbel.

Das war einmal anders. Da gab es die Integra, einen von Wohlfahrtsorganisationen getragenen Gebrauchtwarenmarkt. Gebrauchte Möbel wurden begutachtet und, sofern sie noch in Ordnung waren, abgebaut und abtransportiert. In einer großen Halle in der Gummistraße in Kulmbach wurden sie gelagert und konnten dort gekauft werden.

Seit fast genau zwei Jahren ist die Integra Geschichte. Am 30. September 2017 schloss das Gebrauchtwarenlager.

Elektronik-Schrott, der bis dahin ebenfalls bei der Integra abgegeben werden konnte, wird seither von der Firma Drechsler Umweltschutz in der Von-Linde-Straße gesammelt.

Der Bedarf ist da

Aber wohin mit gebrauchten Möbeln? Man wolle die Lücke möglichst kurzfristig schließen, hieß es seinerzeit aus dem Landratsamt. Und in einer Sitzung des Umweltausschusses wurde wenige Tage später darüber informiert, dass Bewegung in die Sache gekommen sei: Rotes Kreuz und Diakonie hätten Interesse daran, einen Gebrauchtwarenmarkt zu betreiben.

Ein lohnendes Unterfangen wäre das allemal. Zwischen 2500 und 2700 Tonnen Sperrmüll werden laut Detlef Zenk, Leiter des Fachbereichs Abfallberatung und Klimaschutz beim Landkreis Kulmbach, jedes Jahr im Kreisgebiet gesammelt. Signifikante Veränderungen gab es in den letzten Jahren nicht, sagt er.

Aber ein Blick auf so manchen Sperrmüllhaufen - wie schon erwähnt - zeigt, dass da einiges an brauchbaren Möbeln dabei ist.

Nach Kronach fahren

Möbel, für die es durchaus Bedarf gibt: So macht Elsbeth Oberhammer von der Geschwister-Gummi-Stiftung regelmäßig die Erfahrung, dass Flüchtlingsfamilien, die aus einer Sammelunterkunft in eine eigene Wohnung ziehen, sich gerne mit gebrauchten Möbeln ausstatten. "Und dann fährt man mit ihnen halt nach Kronach oder nach Bayreuth. Eine Verkaufsstelle für gebrauchte Möbel wäre in Kulmbach dringend nötig."

Aber es sind bei weitem nicht nur Menschen mit kleinem Budget, die das Angebot von Gebrauchtwarenläden zu schätzen wissen. BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold berichtet, dass der Rotkreuz-Laden in der Fischergasse, der vor allem Kleidung anbietet, sehr gut läuft. Im Ladentreff in der Goethestraße macht Pia Schmidt die Beobachtung, dass auch Leute, die nicht zum Sparen gezwungen sind, kommen, um in den Haushaltswaren zu stöbern.

Und auch Möbel werden nachgefragt. Das wissen die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Vereins "Kulmbach ist bunt". Der lagert auf einem privaten Grundstück Gebrauchtmöbel ein. "Aber wir kommen an unsere Grenzen, wir haben keinen Platz mehr", sagt Vorsitzende Heike Druse.

In anderen Orten florieren Gebrauchtwarenmärkte, sei es nun der der Diakonie in Kronach, das "Kreislauf-Kaufhaus" in Bamberg oder das Bayreuther "Kaufhaus Regenbogen". Derzeit vermittelt der Landkreis Detlef Zenk zufolge Interessenten nach Kronach oder Bayreuth weiter. Auch er weiß: "Der Bedarf ist da."

Warum wird dann aus einem Markt für gebrauchte Möbel in Kulmbach nichts? "Wir suchen noch eine geeignete Immobilie, sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Dippold. Das BRK möchte gemeinsam mit dem Diakonieverbund Kulmbach einen Gebrauchtwarenmarkt aufbauen; ein Konzept gibt es bereits. "Aber es muss wirtschaftlich passen."

Gesucht wird ein Raum, in dem auch sperrige Möbel Platz haben, der ebenerdig ist, gut von Lieferfahrzeugen angefahren werden kann und barrierefrei ist. Und der sich finanzieren lasst.

Liegt es am Geld?

Möglicherweise ist genau das der Punkt, warum derzeit nichts vorangeht. Das jedenfalls mutmaßt Karl-Heinz Kuch, Geschäftsführer des Diakonieverbundes. "Das Konzept liegt bereits beim Landratsamt, sagt er. Allein: "Diakonie und Rotes Kreuz könnten einen solchen Markt betreiben, aber wir brauchen eine finanzielle Absicherung, sonst ist das nicht zu stemmen."

Es geht also nicht nur um die Räume. Sondern auch ums Geld. Und solange diese Frage nicht geklärt ist, wird wohl manches noch brauchbare Stück in der Müllpresse landen.

Kommentar

Auf Dauer ist Wegschmeißen teurer

Es geht nicht mehr um billig oder umsonst. Es geht auch längst nicht mehr darum, was man sich leisten kann. Die Frage ist vielmehr, was wir uns noch leisten wollen - und ob wir nicht freiwillig das eine oder andere Mal verzichten. Es geht, kurz gesagt, um Nachhaltigkeit.

Dass es damit oft nicht so weit her ist, zeigt eine Rechnung. Die ist zwar sehr vereinfacht, aber dennoch geeignet, zu verdeutlichen, worum es geht. Zwischen 2500 und 2700 Tonnen Sperrmüll fallen jährlich im Kreis Kulmbach an.

Das sind, so ungefähr, 37 Kilogramm pro Einwohner - so viel, wie ein einfaches Zweisitzer-Sofa wiegt, ein massiver Kinderschreibtisch oder ein schlichter Esstisch. Rechnet man das hoch auf die Zahl der Köpfe in einer Familie, so kommt man zu dem Schluss, dass im Schnitt in jeder Familie etwa einmal im Jahr eine komplette Zimmereinrichtung auf dem Müll landet.

Obwohl es Interessenten dafür gäbe. Das zeigt die Tatsache, dass nahezu jeder Sperrmüllhaufen Menschen anlockt, die das eine oder andere gebrauchen können. Das zeigt aber auch die Tatsache, dass diejenigen, die Menschen mit kleinen Geldbeutel oder Geflüchtete auf der Suche nach der ersten eigenen Wohnung in der neuen Heimat betreuen, berichten, dass Bedarf an gebrauchten Möbeln besteht. Auch mancher Student richtet sich gerne mit Möbeln aus zweiter Hand ein.

Da mag der finanzielle Aspekt eine Rolle spielen. Aber Hand aufs Herz: Muss der Kinderschreibtisch für den ABC-Schützen wirklich niegelnagelneu sein? In vier Jahren ist er ohnehin zu klein.

Und muss es fürs Arbeitszimmer ein ganz neues Regal aus dem Möbelmarkt sein? Oder tut es nicht ein gebrauchtes auch?

Die vor zwei Jahren geschlossene Integra fehlt. Die Zeit für eine Nachfolgeeinrichtung ist überfällig. Räume sollten sich angesichts der vielen Leerstände in der Region wohl finden lassen.

Bei der Finanzierung sollte man mutig sein. Steigende Kosten für die Müllabfuhr und eine steigende Belastung unserer Umwelt durch die Produktion von immer mehr Neuem sind unterm Strich sicherlich teurer als die Investition in ein Gebrauchtwaren-Kaufhaus.