Kulmbach
Geschichte

Freimaurer in Oberfranken: Eine geheimnisumwitterte Gesellschaft

Vor 120 Jahren wurde die Kulmbacher Freimaurerloge gegründet. Sie wurde 1933 von den Nazis verboten und geplündert. Heute blüht die Verbindung wieder auf.
Blick in die heutige Kulmbacher Loge "Friedrich zur Frankentreue": Der Teppich zwischen den drei Säulen ist abgedeckt, er wird nur bei der "Tempelarbeit" freigelegt. Foto: Jörg Schnitzler

Seit 50 Jahren haben die "Brüder" auf diesen Tag hingearbeitet. Am Sonntagvormittag, dem 14. Januar 1900, ist es so weit. Im Festsaal des Hauses Wittelsbach findet sich eine illustre Gesellschaft ein: die Mitglieder der Hofer Loge "Zum Morgenstern" und der Bayreuther Großloge "Zur Sonne", angeführt von ihren Meistern vom Stuhl in vollem Ornat. Die Männer in Smoking und mit Zylindern, Schärpen, bunt verzierten Schurzen und weißen Handschuhen. Das Aufgebot gilt den 26 Gründungsmitgliedern der Kulmbacher Loge, die feierlich in ihr Amt eingeführt werden sollen.

Weisheit, Stärke und Schönheit

Nach der Begrüßung durch den Hausherrn und Mitbruder, Kommerzienrat Wilhelm Müller, ziehen die Versammelten in die neuen Logenräume im Erdgeschoss. In der Mitte stehen drei Säulen, die um einen mit symbolhaften Zeichen bestickten Teppich gruppiert sind. Die Säulen stehen für Weisheit, Stärke und Schönheit, die Ideale der Freimaurer. Der Bayreuther Großmeister entzündet auf dem dahinter stehenden Altar drei Kerzen, die symbolische "Lichtbringung". Danach übergibt er feierlich den Hammer an Gottfried Pensel, der von seinen Kulmbacher Mitbrüdern zum Meister vom Stuhl gewählt worden war. Die Versammlung stimmt feierlich in Mozarts "Brüder reicht die Hand zum Bunde" ein. Der "Tempel" ist eingerichtet, die Loge kann ihre Arbeit aufnehmen.

Erst "Kränzchen", dann Loge

Die ersten Ansätze einer "Brüderlichen Vereinigung" liegen weit früher. Ab 1849 kommen Kulmbacher Honoratioren, meist erfolgreiche Unternehmer, zu Gesprächen in Privatwohnungen zusammen. Nachdem der Besitzer des "Hotels Krone" zu dem Zirkel stößt, trifft man sich im Nebenzimmer des Hotels. 1874 lassen sie sich als der Verein "Freimaurisches Kränzchen zur Fränkischen Treue" registrieren. Zum 25-jährigen Bestehen, im September 1899, beschließen die Mitglieder, eine eigene Loge zu gründen. Logenbruder Wilhelm Müller, Direktor der Petzbräu, sieht im Bauplan des Wittelsbacher Palais zwei Logenräume vor, ein Clubzimmer und den "Tempel".

Raffiniertes Logenzeichen

Der Name, den sich die Loge gibt, "Friedrich zur Frankentreue", ist schlicht genial: "Friedrich" erinnert an die maurerische Glanzperiode unter dem Markgrafen Friedrich, der durch seinen Vetter, Friedrich den Großen, in die Berliner Loge aufgenommen wurde und danach, 1741, in Bayreuth die erste Freimaurerloge in Franken gegründet hat. Der Zusatz "zur Frankentreue" greift den alten Kränzchen-Namen der Kulmbacher "Brüder" auf. Nicht minder traditionsbewusst ist das Erkennungszeichen, das Bijou, das die Mitglieder während der "Arbeit im Tempel" an einer Halskette tragen: roter Adler auf weißem Felde in Strahlen, dem Wappen der Kulmbach-Bayreuther Hohenzollern-Line nachgestaltet.

Sozial engagiert

Die Vereinigung entwickelt sich schnell zu einem geistigen Mittelpunkt Kulmbachs. Die Maurer stehen in der Tradition der Aufklärung. Sie sehen sich Freiheit, Toleranz, Humanität, Brüderlichkeit verpflichtet. Die Kulmbacher Elite der Gründerzeit ist nahezu komplett vertreten: Louis Reichel, Wilhelm Meußdoerffer, Hans Ruckdeschel, Leonard Eberlein, Wilhelm Müller, Georg Türk, Gottfried Pensel, Bernhard Zeitler, Hans Heufelder, Wilhelm Flessa, rechtskundiger Bürgermeister von Kulmbach.

Bei den Gesprächen in der Loge stehen ethische und religiöse Fragen im Mittelpunkt. Die Vielfalt der Religionen, ihre Geheimnisse und Symbole beschäftigen die Brüder. Doch niemals geht es um eine Bewertung, eine dogmatische Festlegung. Streitgespräche sind verpönt. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Freimaurerei heißt Selbsterfahrung und Selbstfindung.

Die Dokumente zeigen, dass soziale Verantwortung auch wirklich ernst genommen wird: Die Mitglieder zahlen regelmäßig Beiträge in die "Flessa-Heufelder-Logenstiftung", deren Vermögen sich schon kurz nach Gründung auf 5000 Mark beläuft. Aus ihr erhalten zum Beispiel Kulmbacher in Not Weihnachtsgeld. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges schließen sich die Logenmitglieder der Rotkreuz-Kolonne an und spenden als Ersthilfe 3000 Mark. Zweifellos hat die Loge für das Kulmbacher Gemeinschaftsleben eine sehr positive Rolle gespielt.

Nazis durchsuchen Loge

Eine geschlossene Gesellschaft, die in den Augen vieler mysteriösen Rituale und Symbole - all das macht es den Nazis leicht, die Freimaurer unter Generalverdacht zu stellen. Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg, mehrmals auch in Kulmbach zu Gast, fabuliert 1921 von der "jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung" und legt damit das Fundament für ihre Verfolgung in der NS-Zeit. Der Weltkriegs-General und "Dolchstoß"-Erfinder Erich Ludendorff verfasst 1927 die Hetzschrift "Vernichtung der Freimaurer durch Enthüllung ihrer Geheimnisse". Nach der Machtübernahme schlagen die Nazis los. In Kulmbach durchsucht die örtliche Polizei am 18. April 1933 auf Weisung der Gestapo Nürnberg-Fürth die Loge und beschlagnahmt Akten und Wertgegenstände. Nach dem Krieg erhält die Loge von US-Militärstellen einen Teil des Materials zurück, darunter auch die drei Säulen.

Prominente Namen

Die Amerikaner sind es auch, die eine Reaktivierung der Loge unterstützen. Sie erfolgt im Juli 1947 mit 23 Brüdern. Zum Meister vom Stuhl wird der liberale Karl Jung gewählt, der Vorsitzende der Kulmbacher Spruchkammer. An seiner Seite finden sich viele prominente Namen: der frühere Kulmbacher Bürgermeister Hans Hacker zum Beispiel, der von den Nazis verfolgte Brauereidirektor Heinrich Prager, der Burgkunstädter Schuhgroßhändler Friedrich Baur, Josef Schübel aus Stadtsteinach und Landrat Theodor Heublein.

Heute wieder aktiv

Doch nach dem Tod vieler älterer Mitglieder und dem Ausbleiben von Nachwuchs ruht die Tempelarbeit von 1964 bis 2001. Seit 2007 sitzt der Weißenbrunner Geschäftsmann Jörg Schnitzler, mit einer kurzen Unterbrechung, den Brüdern als Meister vom Stuhl vor.

Interview

Weitgehend unbemerkt von der öffentlichen Wahrnehmung existiert die Kulmbacher Loge "Friedrich zur Frankentreue" auch heute noch. Die Bayerische Rundschau sprach mit dem heutigen Meister vom Stuhl, Jörg Schnitzler.

Bei ihrer Gründung vor 120 Jahren ist die Freimaurerloge öffentlich wahrgenommen worden, ihr Wirken war damals und auch danach spürbar. Warum weiß heute kaum jemand, dass es eine Kulmbacher Bruderschaft gibt?

Jörg Schnitzler: Es ist nicht unsere Absicht, offensiv in die Öffentlichkeit zu gehen und Mitglieder zu werben. Wir sind nicht an einer großen Anzahl Mitglieder - momentan sind es 30 - , sondern an Brüdern interessiert. Suchende können uns ohne Probleme finden und kontaktieren, wir haben eine eigene Internetpräsenz.

Vorurteile, die nicht nur in der NS-Zeit existierten, behaupteten, die Mitglieder eines elitären Zirkels sprechen ihre Geschäftsinteressen ab. Es gibt das böse Wort der "Geschäftsmaurerei".

Ja, wirklich böse und gemein. Jedem Aufzunehmenden wird feierlich mitgeteilt: "Wir warnen Sie ehrlich und freundschaftlich, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, die Ihnen keinerlei materielle Vorteile verheißen kann."

Arbeitet die Kulmbacher Bruderschaft heute selbstständig und unabhängig?

Die Logen arbeiten seit eh und je selbstständig und unabhängig, Unsere, wie auch viele andere Logen, sind nach dem Zweiten Weltkrieg in der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland organisiert.

Wo unterscheiden sich die Freimaurer heute eigentlich von anderen Gruppierungen wie zum Beispiel von den Rotariern oder dem Lions-Club?

Es handelt sich hier um einen völlig anderen Denkansatz. Der Freimaurer durchschreitet drei Grade, Lehrling, Geselle und Meister. Jeder dieser Grade hat ein spezifisches Motto als Leitlinie. Der Lehrling "Schau in Dich, erkenne Dich selbst", der Geselle "Schau um Dich" und der Meister "Schau über Dich". Es geht hier um die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Der karitative Aspekt läuft bei uns parallel und steht nicht ganz so im Fokus der Öffentlichkeit.

Die Loge ist heute noch für Frauen tabu. Wäre es nicht an der Zeit, dies zu verändern?

Dies ist so nicht richtig. Wir haben mehrere Veranstaltungen im Kalenderjahr, die mit Partnern beziehungsweise mit der ganzen Familie besucht werden können. Es gibt die klassische Maurerei, die den Männern vorbehalten ist, es existiert aber auch die feminine Freimaurerei, die stark im Kommen ist, aber auch die gemischte Freimaurerei. Die allerdings hat wenig Zulauf.

Lesen Sie auch: