"Das hältst Du im Leben nicht durch!" Eine Feststellung, im Ton der absoluten Überzeugung vorgetragen. Ich habe diesen Satz nicht nur einmal gehört in den vergangenen Wochen. Jeder, ausnahmslos jeder, dem ich von meinem Vorhaben erzählte, hat mir das mit Verve ins Stammbuch diktiert. Auf Kunststoffe jedweder Art verzichten - wie soll das denn gehen, bitteschön?

Eben, genau diese Frage habe ich mir schon vor Jahren gestellt. Mir ist bewusst, dass ich bei diesem Versuch irgendwo scheitern muss! Wo aber muss ich es womöglich nicht, selbst wenn es scheinbar nicht anders funktioniert? Weil man gefangen ist in der Trägheit des Alltags, nicht lange nachdenkt, sondern im Getränkemarkt willfährig zur PET-Wasserflasche greift und die schwerere Glasflasche in der Regalreihe daneben stehen lässt? Weil der homo polyethylensis aus seinem Plaste-und-Elaste-Kosmos - wie von unsichtbarer Schwerkraft in der Bahn gehalten - immer und überall automatisch nach dem Kunststoff-Produkt schnappt, weil er oft gar nicht ahnt, dass er Alternativen hätte? - Dass sich aus diesen Überlegungen eine Artikelserie für die heute anbrechende Fastenzeit ergibt, darauf hatte nicht zuletzt ein Gespräch an der Universität Bayreuth Einfluss. Genauer gesagt ein Interview mit Christian Laforsch. Der Mann ist Professor für Biologie und hat sich einen Namen gemacht, weil er in einer Aufsehen erregenden Studie nachwies: Nicht nur die Meere sind Müllkippen und voll mit Kunststoff - nein, auch Süßgewässer wie der Gardasee sind ähnlich stark mit Myriaden Plastikpartikeln angereichert.

Albatros am Strand

Im Zuge der Bebilderung zu besagtem Gespräch stieß ich bei Christian Laforsch auf ein Foto von Greenpeace. Es zeigt einen toten Albatros am Strand: der aufgeschlitzte Bauch voll mit zu Granulat zermahlenen Folienresten, Verschlusskappen, sogar dem Zündkopf eines Wegwerf-Feuerzeugs. Als ich im dazu gehörigen Text der Umweltorganisation zu lesen begann, wuchs das Unbehagen.

Der Plastikberg direkt neben uns


Der Müllteppich in Pazifik und Atlantik, das alles scheint weit weg. Doch die Inhaltsstoffe des Plastiks sind direkt neben uns. In der Saftflasche auf dem Schreibtisch; in der Folie über der Fertigpizza; in der Peeling-Creme im Bad. Was sich da als Melange bei Hitze in Wasser, Nahrung und sogar in Haut und andere Organe schleicht, sagt auch Biologe Laforsch, ist so noch gar nicht bestimmt. Und damit auch nicht die Wirkung, die es auf die Gesundheit haben könnte.
Nun werden Skeptiker mich womöglich einen Verschwörungstheoretiker nennen, vielleicht gar einen Spinner und entgegnen: Diese Stoffe sind doch alle dutzendfach kontrolliert und für unbedenklich befunden worden, sonst dürften sie ja gar nicht mit Lebensmitteln in Kontakt kommen...

Heißt zugelassen denn gleich unschädlich? Selbst der Chemiestudent im ersten Semester kann immerhin bestätigen: Plastik enthält so genannte Phthalate, also Weichmacher. Das ist ein Prinzip der Struktur dieser künstlichen Stoffe. Alles aus diesem Weichplastik (wie etwa Verpackungen) sind eine potenzielle Weichmacher-Quelle. Diese Stoffe können in die Raumluft und in Lebensmittel übergehen. So werden sie vom Menschen aufgenommen. Das lässt sich klinisch sehr gut nachweisen.

Plastik und die Geißel Krebs

Und die Folgen? Bei Marike Kolossa vom Umweltbundesamt liest sich das so: "Wir beobachten, dass die Qualität der Spermien beim Mann über die vergangenen Jahrzehnte immer mehr abnimmt. Versuche mit Mäusen zeigen, dass Phthalate wie Hormone wirken, daher könnten sie an der Zunahme des Übergewichts in der Bevölkerung beteiligt sein. In großen Mengen stehen sie im Verdacht, Krebs auszulösen."

Wer sich ins Gedächtnis ruft, dass die Internationale Forschungsgruppe Krebs jüngst einen sprunghaften Anstieg der Neuerkrankungen prognostizierte, darf zumindest schon mal hellhörig werden und sich fragen: Trägt das Phänomen zur kompletten Verplastisierung der Welt eventuell dazu bei, dass die Geißel Krebs immer weiter auf dem Vormarsch ist?

Welche Chancen aber hat jemand, der sich diesem Kreislauf entziehen will? Da werden sich schnell die Grenzen aufzeigen - allein dieser Text ist Beweis dafür: Er wurde auf einer Kunststoff-Tastatur getippt...Ein Verzicht darauf, und Sie, verehrte Leser, hätten einen leeren Bildschirm vor sich. Solche Einschränkungen sind mir bei dieser Serie bewusst. Deswegen ist das Versagen beim Sich-das-Plastik-Versagen programmiert. Nichtsdestotrotz wollen wir hier in den nächsten Wochen darstellen, wie es tatsächlich ohne funktionieren kann. Dass es Wege aus dem Kunststoff-Wahn gibt, echte Alternativen ohne Verlust an Lebensqualität. Oder vermeintliche Alternativen, die sich im Selbstversuch als wenig praktikabel erweisen (als Stichwort sei hier ein Lava-Granulat als Trockenshampoo genannt...)


Kein Kunststoff ohne Weichmacher: wo sie drin sind und was sie bewirken (könnten)


Definition
Weichmacher sind Stoffe, die in großem Umfang Kunststoffen, Farben und Lacken, Gummis, Klebstoffen und Befilmungsüberzügen zugesetzt werden, um sie weicher, flexibler, geschmeidiger und elastischer im Gebrauch oder der weiteren Verarbeitung zu machen. Weichmacher gehören zu den meistverkauften Chemikalien. Für Kunststoffprodukte wurden 2012 rund 87 Prozent der weltweit verbrauchten Weichmacher eingesetzt, der größte Teil für Folien und Kabel.

Phthalate
Der überwiegende Teil der industriell in großen Mengen erzeugten Phthalate wird als Weichmacher für Kunststoffe wie PVC, Nitrocellulose oder synthetisches Gummi verwendet. Abwandlungen kommen auch als Bestandteile von Kosmetik oder Körperpflegemitteln und pharmazeutischen Produkten zum Einsatz.

Bisphenol A
Aus Bisphenol A enthaltenden Kunststoffen werden zahlreiche Gegenstände des täglichen Gebrauchs mit direktem Kontakt zu Lebensmitteln und Getränken hergestellt. Aus Epoxidharzen werden Beschichtungen für metallische Behälter, ebenfalls für Lebensmittel, wie Konservendosen und für Getränkebehälter und Wasserkocher hergestellt. Seit 2011 ist der Einsatz der Chemikalie bei der Produktion von Babyfläschchen EU-weit verboten. In Frankreich ist Bisphenol A ab Anfang 2015 in allen Lebensmittel-Verpackungen verboten, in jenen für Kleinkinder bereits seit Anfang 2013.

Verbot
Die Fortpflanzung gefährdende Phthalate sind in den Ländern der EU seit 2005 generell in Baby-Artikeln und Spielzeug verboten. Sie dürfen auch nicht in Gemischen (Lacke, Kleb- und Duftstoffe) enthalten sein, die öffentlich verkauft werden. Für die Verwendung von Phthalaten in Verpackungen für Lebensmittel gelten bestimmte Grenzwerte. Über diese jedoch gibt es geteilte Ansichten, ob sie nicht zu hoch angesetzt sind Quelle: Wikipedia