Den Volkstrauertag hat Wolfgang Schilling noch nie ausfallen lassen. In 43 Jahren kein einziges Mal. Auch nicht in jenem Jahr, als es schüttete wie aus Eimern: "Da haben wir die Fahnen in der Kirche gelassen, damit sie keinen Schaden nehmen, und sind ohne Fahnen zum Ehrenmal gezogen."

Die Fahne: Die hütet der 58-Jährige wie seinen Augapfel. Zwar ist der Gesangverein "Erholung" längst nicht mehr aktiv. Die Fahne des Vereins aber hält Wolfgang Schilling hoch. Und jedes Jahr am Volkstrauertag trägt er sie im Zug der örtlichen Vereine zum Ehrenmal in der Blaich.

Gerade einmal 16 Jahre war er alt, als er zum ersten Mal das Amt des Fahnenträgers übernahm. "Mein Vater war Mitglied im Gesangverein und Kassier. Und als sie jemanden gebraucht haben - da hab' ich's halt gemacht." Später sei er auch in die Feuerwehr eingetreten, die in seinen Anfangsjahren den Zug zum Ehrenmal mit Fackeln begleitet habe. Bei den Fackelträgern sei er nie dabei gewesen. "Ich habe immer die Fahne getragen."

Wolfgang Schilling erinnert sich gut an diese frühen Jahre. Der Gesangverein hatte noch ausreichend Sänger, und die Feierstunden waren besonders stimmungsvoll. Die Gedenkfeiern fanden damals am Vorabend des Volkstrauertages statt. Nach dem Gottesdienst in der Auferstehungskirche bewegte sich der Fackelzug zum Ehrenmal, das damals noch an der Eiche am Pörbitscher Platz stand. Er sei damals der einzige Fahnenträger gewesen, erzählt er. Die "Lohengrin"-Kegler und die Kauernburger Schützen kamen später dazu.
Sie sind noch heute dabei. Und noch heute achtet Wolfgang Schilling sorgsam darauf, dass die Aufstellung am Ehrenmal in der Grünanlage passt, dass die anderen Fahnenträger die Fahne auch richtig halten - so, wie es sich für einen ernsten Anlass gehört.


Erfahrenster Fahnenträger in Kulmbach

Und ein ernster Anlass ist der Volkstrauertag, der am Sonntag wieder begangen wird (Termine siehe unten). Er selbst sei ja erst 1954 geboren und habe den Krieg nicht miterlebt, sagt Wolfgang Schilling. Aber sein Vater sei im Krieg gewesen, sei wie durch ein Wunder nicht zu jenem Einsatz abkommandiert worden, bei dem nahezu sein ganzer Zug im Bombardement umgekommen sei. "Die Menschen, die im Krieg gefallen sind, haben den Kopf auch für uns hingehalten." Davon ist Wolfgang Schilling überzeugt. Und insgeheim hegt er die Angst, "dass es bald wieder einmal losgeht". Der Volkstrauertag - ein Anlass, sich bewusst zu werden, wie lange Deutschland schon im Frieden lebt. Auch deswegen, so sagt er, engagiert er sich und wird auch am Sonntag als einer von drei Fahnenträgern den Zug anführen.

Ob er der dienstälteste Fahnenträger in Kulmbach ist? Der erfahrenste aus den nördlichen Stadtteilen bestimmt. Und nun hofft er, dass sein Beispiel Schule macht. Ein wenig traurig sei es schon, so sagt er, dass sich junge Leute nicht mehr so recht für solche Aufgaben begeistern ließen, dass sie oft nur kurz dabei blieben - und dann wieder weg seien.

Bei ihm ist das anders. Er hat nicht nur jahrzehntelang die Fahne getragen. Er hat auch gemeinsam mit seinen Eltern vor Jahren einmal Geld gesammelt, um die arg zerschlissene Fahne restaurieren zu lassen. Und er wird die Fahne weiter tragen. "Solange, bis ich 80 bin", sagt er. Und korrigiert sich nach kurzer Überlegung: "Solange, bis ich nimmer laufen kann."

Die Stadt Kulmbach gedenkt in zahlreichen Veranstaltungen zum Volkstrauertag der Opfer von Kriegen und Gewalt. Im Einzelnen sind folgende Festakte geplant:


Kulmbach

Redner: Oberbürgermeister Henry Schramm. Nach den Gottesdiensten um 10.50 Uhr ab Marktplatz gemeinsamer Gang zum Ehrenmal in der Pestalozzistraße mit anschließender Gedenkfeier (11 Uhr).

Blaich, Pörbitsch, Kauernburg

Redner: Stadtrat Hans Werther. Um 09.30 Uhr Gottesdienst in der Auferstehungskirche, anschließend gemeinsamer Gang zur Gedenkfeier am Ehrenmal an der Margarete-Lindner-Anlage.

Mangersreuth, Weiher, Herlas, Forstlahm, Leuchau

Rednerin: stellvertretende Landrätin und Stadträtin Christina Flauder. Treffpunkt 8.45 Uhr am Kirchplatz in Mangersreuth zum gemeinsamen Gang zur Gedenkfeier am Ehrenmal im Mangersreuther Friedhof, anschließend um 9.30 Uhr Gottesdienst in der Mangersreuther Kirche.

Metzdorf, Petzmannsberg, Ziegelhütten

Redner: dritter Bürgermeister Frank Wilzok. Um 9.30 Uhr Gottesdienst in der Friedenskirche, anschließend Gang zur Gedenkfeier am Ehrenmal der Gefallenen in Metzdorf.

Höferänger

Redner: Stadtrat Thomas Nagel. Um 8.30 Uhr Gedenkfeier am Ehrenmal, anschließend Gang zum Gottesdienst nach Ziegelhütten.

Burghaig

Redner: Stadtrat Helmut Horn. Um 9.30 Uhr Gottesdienst in der Johanneskirche mit dem Musikverein Burghaig, anschließend gemeinsamer Gang zur Gedenkfeier am Ehrenmal in Burghaig.

Melkendorf

Redner: Stadtrat Lothar Seyfferth. Um 8.45 Uhr Aufstellung des Zuges an der Gaststätte "Lindenhof"; um 9 Uhr Gottesdienst in der St.-Aegidius-Kirche anschließend gemeinsamer Gang zur Gedenkfeier am Gefallenendenkmal im Friedhof Melkendorf.

Katschenreuth

Redner: Stadtrat Horst Zahr. Um 10.45 Uhr Treffpunkt am Feuerwehrhaus zum gemeinsamen Gang zur Gedenkfeier um 11 Uhr am Ehrenmal in Katschenreuth.

Kirchleus

Redner: Ortssprecher Richard Ströbel. Um 8.45 Uhr Gottesdienst in der Kirche, anschließend gemeinsamer Gang zur Gedenkfeier am Kriegerdenkmal in Kirchleus.

Lehenthal

Redner: Ortssprecher Willi Rehm. Um 8.45 Uhr Treffpunkt am Feuerwehrhaus zum gemeinsamer Gang zur Kirche, um 9 Uhr Gottesdienst mit anschließender Trauerfeier an der Gedenktafel in der Kirche.

Lösau

Redner: stellvertretender Landrat und Stadtrat Jörg Kunstmann. Um 8.15 Uhr Gedenkfeier am Kriegerdenkmal in Lösau.

Oberdornlach

Redner: Ortssprecher Ludwig Thurn. Um 10.15 Uhr Gedenkfeier am Mahnmal in Oberdornlach, vorher Gottesdienst um 8.45 Uhr in Kirchleus.