Es sei für einen Mediziner eine reizvolle und zugleich lohnenswerte Aufgabe, Frauen, die alkohol- und/oder medikamentenabhängig sind, zu therapieren: Das sagt Gabriele Hilgenstock, die über 13 Jahre ärztliche Leiterin in der Hutschdorfer Fachklinik war.

Hilgenstock verlässt im September das Haus Immanuel. Die 61-Jährige kehrt aus familiären Gründen in ihre Heimat im Ruhrgebiet zurück. Wer ihr nachfolgt, ist nicht geklärt. Klinikleiter Gotthard Lehner sucht bis dato vergeblich einen Mediziner, der die Einrichtung mit Wolfgang Bär, dem zweiten Mann an der Spitze, leitet.

Frau Hilgenstock, Sie verlassen Hutschdorf nach über einem Jahrzehnt. Einen Nachfolger hat die Klinik bis dato nicht gefunden. Können Sie sich das erklären?
Gabriele Hilgenstock: Vielleicht liegt es daran, dass Hutschdorf etwas abgelegen liegt. Die Fachklinik hat für einen Mediziner aber ohne Frage ihren besonderen Reiz. Allein deshalb, weil es die einzige Klinik in der Region ist, in der nur Frauen therapiert werden.

Was ist das Besondere an einer reinen Frauen-Klinik?
Bei uns gibt es das Spannungsfeld, das in einer Klinik herrscht, in der Männer und Frauen gemeinsam untergebracht sind, nicht. Dort lauert immer die Gefahr, dass sich etwa Liebschaften ergeben, was negative Einflüsse auf die Therapie hat. Eine reine Frauenklinik bedeutet auch einen besonderen Schutzraum, der für unsere Patientinnen besonders wichtig ist. Viele leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie sind Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden, haben traumatische Erlebnisse hinter sich, die sie immer wieder einholen. Als Traumatherapeutin habe ich in meiner Zeit in Hutschdorf auf diese Patientinnen ein besonderes Augenmerk gelegt.

Seit dem Neubau der Fachklinik im Jahr 2012 gibt es in Hutschdorf auch eine Mutter-Kind-Therapie. Das heißt, suchtabhängige Frauen können mit Sohn oder Tochter in die Fachklinik kommen, die in einer Kita betreut werden. Wie wird das Angebot angenommen?
Die Plätze sind wirklich sehr gefragt. Durch das Angebot kommen auch viele jüngere Frauen. Die Hemmschwelle, sich medizinische Hilfe zu holen, wird für viele Betroffene kleiner. Dass sie ihr Kind mitbringen können, erleichtert den Frauen die Entscheidung, die 15-wöchige Therapie anzutreten. Vielfach sind es Alleinerziehende, die ansonsten nicht wüssten, wo sie den Nachwuchs während des doch längeren Klinikaufenthaltes unterbringen sollten.

Ein Ziel der von der Deutschen Rentenversicherung getragenen Therapie ist die Rehabilitation, die Wiedereingliederung in das Berufsleben.
Damit sich die Patientinnen wieder in die Gesellschaft integrieren, ist es wichtig, dass sie - wenn möglich - wieder ins Berufsleben einsteigen. Denn Arbeit gehört zu einem lebenswerten Leben.
Es geht in der Hutschdorfer Fachklinik aber primär nicht nur um die Steigerung der Leistungsfähigkeit. Uns ist es wichtig, dass die Frauen nach der Therapie erhobenen Hauptes unser Haus verlassen und jedem erklären können, warum sie in so eine prekäre Lebenssituation geraten sind. Die Frauen müssen sich dafür nicht schämen. Keiner hat Grund, auf sie herabzusehen. In Deutschland haben fast acht Millionen Menschen ein riskantes Trinkverhalten und laufen somit Gefahr, abhängig zu werden. Dass sie es nicht sind, ist in vielen Fällen ein Stück weit Gnade.


Klinik schaltet Headhunter ein

Anzeigen in regionalen und überregionalen Zeitungen haben keinen Erfolg gebracht: Die Stelle der ärztlichen Leitung in der Fachklinik Haus Immanuel, die durch den Weggang von Gabriele Hilgenstock frei wird, konnte noch nicht neu besetzt werden. "Da die Zeit drängt, haben wir jetzt sogar einen Headhunter eingeschaltet", sagt Klinik-Leiter Gotthard Lehner. Kontakte habe es schon gegeben. "Wir hatten aber noch kein Vorstellungsgespräch", so der Klinik-Leiter.