Eigentlich hat sich nicht viel verändert. Die Hecke, die den Zierrasen vorm Haus umschließt, ist ein bisschen größer geworden. Der Steinpfeiler an der Einfahrt zum Grundstück des Nachbarn gegenüber ist jetzt von Efeu umwuchert. Aber sonst? Fast wie früher.

Jan Bruck kennt die Häuser gut, hat er nach dem Krieg doch als Flüchtlingskind von 1953 bis 1961 in einem von ihnen gewohnt. Die vier Häuser waren eigens für Beamte und Angestellte gebaut worden - und boten auch der Familie Bruck Unterkunft, die eigentlich aus Schlesien stammte. Ende des Jahres 1961 verließ die Familie Bruck die Thurnauer Straße wieder, zog um ins Forsthaus hinter der Plassenburg, wo der Vater, Revierförster Helmut Bruck, endlich auch ein eigenes Bürozimmer hatte.

Jan Bruck selbst ging Anfang der siebziger Jahre mit seiner Familie nach Sydney und war dort bis zu seiner Pensionierung als Dozent an der Universität tätig. Seitdem lebt er in Sydney und Berlin - und kommt regelmäßig zu Besuch nach Veitlahm, wo seine mittlerweile 96-jährige Mutter zuhause ist.

Für die Bayerische Rundschau hat er aufgeschrieben, welche Erinnerungen er mit den Häusern in der Thurnauer Straße verbindet.
"Die Geschichte der Flüchtlingsfamilien, die in diesen einfachen Häusern eine Weile wohnten, ist ein symptomatisches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der Millionen von Menschen aus den Ostgebieten in den Westen kamen. Der Neuanfang verlangte ihnen viel Geduld, Anpassungsfähigkeit und Erfindungsgeist ab, wobei die Gemeinschaft in der Siedlung ihnen aber auch half die schwierigen ersten Jahre emotional leichter zu überstehen.

Wie die Kulmbacher Bürger diese Invasion von Fremden allgemein aufnahmen, ist schwer zu sagen. Wir machten aber überwiegend gute Erfahrungen und fühlten uns von Anfang an akzeptiert. Manche Einheimische schätzten sicherlich den etwas frischen Wind, den wir Zugereisten aus der großen weiten Welt mitbrachten. Bei der Integration in die Kulmbacher Gemeinde half besonders die Kirchenmusik, die für viele Familien bald ein wichtiges soziales Netz darstellte.

Als Beamte hatten die meisten Familienväter eine feste Stelle und einen relativ guten Stand. Es war jedoch nicht immer leicht für die oft kinderreichen Familien, es sich in den ziemlich engen Wohnungen bequem zu machen.
Unsere siebenköpfige Familie teilte sich drei Schlafzimmer: zwei Brüder und zwei Schwestern in je einem kleinen Raum, der jüngere Bruder mit im Schlafzimmer der Eltern, während der Vater sein ‚Büro' als Förster im Wohnzimmer hatte, wo wir Jungs auf dem Weg in unseren Raum immer vorbei mussten.

Er zeigte dabei erstaunlich viel Geduld. Und als mein Zwillingsbruder Wilhelm schon in jungen Jahren klassische Gitarre spielen lernte und fast jeden Tag übte, versicherte er immer wieder, wie beruhigend er die Musik gerade bei der Arbeit am Schreibtisch fand. Er war damals sicherlich der einzige Forstbeamte in Bayern der seine berufliche Tätigkeit mit Live-Musik verschönern konnte!

Unsere Freunde waren fast alle auch Flüchtlinge, die in der Siedlung oder weiter weg in der Blaich wohnten. Abgesehen von den ähnlichen Erfahrungen, welche die Eltern in Schlesien und in Berlin oder anderswo gemacht hatten, verband die meisten neben dem Interesse an Literatur und Musik die Freude an der Natur - was ja so manchen Deutschen half, das Trauma des Dritten Reichs hinter sich zu lassen, bis das angehende Wirtschaftswunder eine neue Phase des Aufbruchs einläutete.

Ich würde gern wissen was aus all diesen Familien geworden ist, von denen die meisten später wieder wegzogen, wie auch wir. Aber das lässt sich nun nicht mehr feststellen, denn so wie sie in den fünfziger Jahren kamen, so verteilten sie sich in den darauf folgenden Jahrzehnten wieder in alle Winde.

Von der Generation der Eltern, die Faschismus und Krieg als Erwachsene durchmachten, leben heute nur noch ganz wenige. Wir Kinder, die wir inzwischen längst eigene Familien haben, sind alle weg gezogen. Und für die Enkel und Urenkel ist Kulmbach jetzt nur noch ein schönes Städtchen wo einst ihre Vorfahren lebten."