Im Januar 2013 wollte der afghanische Asylbewerber Nasratullah Popalzai vom Schlot der alten Spinnerei springen - aus Angst, abgeschoben zu werden. Heute ist er froh, dass nicht gesprungen ist. Für den 24-Jährigen hat ein neues Leben begonnen, er hat eine Ausbildung auf dem Bau. Aber noch immer ist seine Zukunft ungewiss.

Mit gelbem Helm steht Nasratullah Popalzai seinen Mann auf einer Baustelle in der Hollergasse. Bei Wind und Wetter. Selbst Graupelschauer, die bei seinen Kollegen manchmal für Schimpftiraden sorgen, veranlassen ihn zu keinem einzigen negativen Wort.


Harte Arbeit fühlt sich gut an

Der 24-Jährige macht seine Arbeit gerne, er packt mit an und fühlt sich gut dabei. Er hilft mit, dass auf dem Gelände der ehemaligen Genossenschaftswohnungen in der Hollergasse zwei neue Wohnanlagen mit je acht Einheiten entstehen können. 3,5 Millionen Euro werden hier investiert.

Eine Summe, die für Nasratullah Popalzai unvorstellbar groß ist. Eine Summe, die ihn aber auch stolz macht, weil er dabei sein darf, das Riesen-Projekt für Kulmbach zu verwirklichen. Wenn Jörg Eberlein von der Premium-Bauträgergesllschaft und vom Generalunternehmer Otto Mühlherr ihn ruft, sputet sich Popalzai. Er lässt sich die Pläne erklären. Nach dem Fast-Suizid war es Eberlein, der dem Mann aus Afghanistan eine Perspektive bot. Erst als Hilfsarbeiter, inzwischen macht der junge Mann eine Ausbildung.


"Finden keinen Nachwuchs"

"Als Baufirma findet man einfach keinen Nachwuchs. Es ist schwierig, Azubis zu kriegen. Wir sind wirklich zufrieden mit Nasratullah, denn er ist engagiert, er möchte arbeiten und sich hier eine Zukunft aufbauen", sagt Eberlein.

Aktuell bemüht sich die Firma Mühlherr, weitere sprachliche Verbesserungen gemeinsam mit der IHK zu erwirken. Denn die Schulbesuche fallen dem 24-Jährigen nicht leicht, vor allem das Schreiben und das schriftliche Verständnis sind schwer für ihn. Auch bei der Suche nach einer Wohnung unterstützt ihn das Unternehmen. Denn aktuell wohnt Popalzai noch immer im Asylbewerberheim in Kulmbach, wo er sich ein Zimmer mit einem anderen Bewerber teilt. Da er auch verdient, zahlt der 24-Jährige sogar Miete.


Neuer Lebensmut

Egal, was der Vorarbeiter von Nasratullah verlangt, der Afghane gibt sein Bestes. Er kann heute wieder lachen, endlich hat er Arbeit, die Ausbildung gibt ihm eine Zukunftsperspektive und neuen Lebensmut.

Aktuell hat Nasratullah Popalzai keine Angst, abgeschoben zu werden. Denn solange er eine Lehre absolviert, passiert das nicht. Und er ist erst im ersten Lehrjahr - drei Jahre dauert die Ausbildung mindestens.

Warum aber kletterte der sympathische junge Mann im Januar 2013 auf den Schornstein der alten Spinnerei?

Warum wollte er sich in die Tiefe stürzen? "Aus Angst vor der Abschiebung. Ich bin eigentlich Automechaniker, war aber Soldat in Afghanistan. Ich habe 2008 und 2009 mit den amerikanischen Soldaten zusammen gearbeitet, dann habe ich Probleme mit Al-Qaida bekommen. Ich kann nicht mehr zurück nach Afghanistan", sagt der 24-Jährige. Er sei überzeugt, dass die Taliban ihn töten möchten.
Man merkt ihm auch heute noch die Angst an.
Seine Frau, ebenfalls 24 Jahre als, ist mit der restlichen Familie nach Pakistan geflüchtet. Seit vier Jahren hat Popalzai sie nicht mehr gesehen. Der einzige Kontakt, den er hat, besteht über das Internet-Programm Skype.


Er wünscht sich nur Frieden

"Alles, was ich möchte, ist, hier in Deutschland zu bleiben. Ich habe schon viel gelernt. Ich möchte weiterlernen, hier arbeiten und irgend wann mit meiner Frau hier leben", sagt Nasratullah Popalzai und hat inzwischen wieder einen Funken Hoffnung: Hoffnung auf ein neues Leben in Frieden. Denn mehr möchte Nasratullah Popalzai eigentlich nicht.