Frau Zeulner, Sie sind eine Newcomerin als Bundestagskandidatin. Aber Sie haben schon kommunalpolitische Erfahrung...
Seit 2008 bin ich in Lichtenfels als Stadträtin und Kreisrätin politisch aktiv. Mir ist klar, der Bundestag ist eine ganz andere Ebene und die Themen sind sicherlich vielschichtiger und komplexer, aber bestimmte Funktionsweisen sind überall gleich. Politische Entscheidungen dürfen nicht ohne die Menschen gemacht werden. Das merke ich auch immer wieder bei den vielen guten Gesprächen mit den Bürgern im Wahlkreis.

Karl-Theodor zu Guttenberg war für die CSU eine "Bank". Er hat zuletzt 68,1 Prozent erreicht. Daraus erwächst für Sie jetzt schon ein Anspruch, den Sie erfüllen müssen, oder?
Karl-Theodor zu Guttenberg war eine Ausnahmeerscheinung. Er war Minister, dadurch überall in den Medien präsent und hat eine ganz andere Popularität genossen, die über Jahre hinweg gewachsen ist. Solch ein Vertrauen muss ich mir natürlich noch erwerben und das ist eine große Herausforderung. Gerade in Kulmbach bin ich noch nicht zu 100 Prozent bekannt. Deshalb arbeite ich hart, bin viel unterwegs, bei Veranstaltungen, Vereinen, Verbänden und ich gehe aktiv auf die Menschen zu. Ich will zeigen, dass ich die Anliegen der Region in Berlin wirkungsvoll vertreten kann. Ich sehe es auch nicht als von Gott gegeben an, dass die CSU in dem Wahlkreis immer ein Top-Ergebnis einfährt.

Ihr Stimmkreis ist sehr groß. Wie kann es ein Abgeordneter schaffen, dauerhaft in der Fläche präsent zu sein?
Es kommt darauf an, die Wege kurz zu halten und auf vielen Kanälen ansprechbar zu sein: Funktionierende Bürgerbüros, der schnelle Kontakt über die neuen Medien, ein gut organisierter Terminkalender und die regelmäßige Präsenz bei Veranstaltung in den Gemeinden. Ich sehe mich als Ansprechpartner für alle und überall dort, wo ich als zukünftige Abgeordnete gebraucht werde. Es ist mir wichtig, möglichst alle Schwellen für den offenen und ehrlichen Austausch mit den Menschen vor Ort abzubauen. Denn nur wer den direkten Kontakt zu den Bürgern hat, der kann sich auch zielgerichtet in Berlin für sie einsetzen.



Ein Thema, das ein brennendes ist: Die Ortsumgehungen in Untersteinach und Kauerndorf kommen nicht voran. Was könnte da helfen?
Wenn Du vorne aus dem Ministerium rausgeworfen wirst, musst Du hinten wieder rein. In der Politik zählen nicht nur gute Argumente, sondern auch immer wieder eine große Portion Hartnäckigkeit. Ich werde mich mit meiner ganzen Kraft für die Projekte im Wahlkreis einzusetzen. Dazu gehören auch die Ortsumgehungen.

Kulmbach ist ein Schwerpunkt für Lebensmittelproduktion und -forschung. Wie kann der Bund hier flankierend weitere Ausbaubemühungen unterstützen?
Mit dem Max-Rubner Institut, dem angegliederten internationalen Kompetenzzentrums für Fleischqualität und der Forschungsstelle für Nahrungsmittelqualität der Universität Bayreuth haben wir auf wissenschaftlicher Ebene eine vielversprechende Basis.
Meine Vorgänger haben immer für den Erhalt des Standortes und die Weiterentwicklung gekämpft und auch werde ich es tun. Die größten Chancen sehe ich in einer erweiterten Zusammenarbeit mit den oberfränkischen Universitäten und einer verstärkten Kooperation mit der in Kulmbach sehr starken Lebensmittelwirtschaft. Hier könnten Förderungen von Bundesebene unterstützen. Aber auch weitere Behördenverlagerungen kann ich mir in diesem Bereich gut vorstellen.

Die Landwirte - auch im Landkreis Kulmbach - sind in keiner einfachen Situation. Vorschriften und Ansprüche, sinkende Preise für Lebensmittel und der demographische Wandel setzt ihnen zu. Sehen Sie Ansätze, ihnen zu helfen?
Eine funktionierende Landwirtschaft hat eine enorm hohe Bedeutung für unseren ländlichen Raum. Jeder siebte Arbeitsplatz hängt davon ab. Deshalb habe ich auch im Wahlkampf extra eine "Schwerpunktwoche Landwirtschaft" veranstaltet und die Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner nach Wonsees eingeladen. Ich habe mir die Höfe angeschaut und vor allem den bäuerlichen Familien zugehört. Alle politischen Ebenen müssen gemeinsam handeln und alles daran setzen, dass der Beruf des Landwirts auch für die junge Generation attraktiv bleibt. Es gibt vielen Themen anzupacken - von den Ausgleichzahlungen über der Bewahrung der Vielfalt bis hin zum Erbrecht und der Sensibilisierung der Bevölkerung gegenüber einer fairen Preisgestaltung. Zudem geht es auch um Planungssicherheit bei Photovoltaik und Biogasanlagen.

Der demographische Wandel beschleunigt sich in den kommenden Jahren. Gibt es Gegenstrategien, wie kann man damit umgehen?
Ob man in eine Region kommt oder dort bleibt, das hängt immer in hohem Maße vom Arbeitsplatz ab. Deshalb sind Regionen mit starker Wirtschaft im Vorteil. Am positiven Beispiel Himmelkron sehen wir die große Bedeutung der harten Standortfaktoren wie eine gute Verkehrsanbindung ganz besonders. Nur eine Region, die über eine gute Infrastruktur verfügt, ist in Zukunft noch konkurrenzfähig. Dazu gehört gerade auch schnelles Internet. Gezielte Ausbaumaßnahmen und Förderprogramme mit geringem Eigenanteil der Kommunen können hier viel bewirken. Des Weiteren kann eine gute Familienpolitik und ein kinderfreundlicheres gesellschaftliches Klima die demografische Entwicklung abfedern. Der Bund, das Land und die Gemeinden tun viel in dem Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich denke dabei an den Ausbau der Krippen und an die Einrichtung der Ganztagsschulen. Denn die Wirtschaft braucht ja auch gut ausgebildete Frauen. Deshalb wird es meiner Ansicht nach auch zukünftig noch mehr Betriebskrippen und kindergärten geben. Entscheidend ist für mich aber die Wahlfreiheit, ob eine Frau zuhause bleibt oder wenige Wochen nach der Geburt des Kindes wieder arbeitet. Staatliche Bevormundung, einhergehend mit gesellschaftlichem Druck bringen uns hier auf keinen Fall weiter.

Hilft es, wenn man die Region noch stärker in den Mittelpunkt rückt?
Die Stärke unserer Region kann von uns selbst kommen. Oberfranken muss zusammenhalten und auf mehreren Ebenen reizvoll sein, denn ohne Grund wird kaum jemand von außerhalb zu uns ziehen. Ein Ansatz sind unsere erfolgreichen kleinen und mittleren Unternehmen, die attraktive Ausbildungs- und Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Den Ansatz von Gründerzentren für junge Leute finde dabei ich sehr gut, weil sinnvoll Synergieeffekte genutzt werden. Darüber hinaus sind wir schon deshalb ein interessanter Standort zum Leben arbeiten, weil z.B. die Nebenkosten für Wohnraum gegenüber den Metropolen weitaus geringer sind. Insgesamt hat Oberfranken auch einen sehr hohen Freizeitwert und kann sich als Gesamtheit mit jeder Großstadt messen.

Die Bundestagskandidaten einiger Parteien sind diesmal jung - ähnlich jung wie sie selbst. Welche Auswirkungen hat das Ihrer Meinung nach auf den Wahlkampf?
Wir jungen Kandidaten stehen alle für einen gelungenen Generationswechsel der demokratischen Parteien und das freut mich sehr. Gleichzeitig hoffe ich, dass dadurch auch besonders viele junge Menschen zur Wahl gehen und ihre Stimme abgeben.
So ein Wahlkampf, wenn man ihn mit vollem Engagement führt, erfordert unheimlich viel Kraft. Deshalb bin ich froh, dass ich noch so jung bin und so viel Energie habe.

Auf welche Themen wollen Sie selbst denn im Wahlkampf setzen?
Der Bereich der Pflege gehört zu meinen Schwerpunkten. Hier möchte ich auch, sollte es am 22. September klappen, im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags mitarbeiten.
Das sind zwar nicht die großen populären Themen, aber trotzdem sehr relevante für unsere Region. Der Pflegemangel ist bereits jetzt bekannt und wird sich weiter verschärfen - da brauchen wir Antworten und Konzepte. Beispielsweise könnte der Bund als Impulsgeber für ein Sozialpraktikum für Schüler auftreten. Damit könnte bereits bei der jungen Generation eine besondere Sensibilität gegenüber Einrichtungen wie Krankenhäusern und Pflegeinrichtungen geweckt werden. Auch die ärztliche Versorgung auf dem Land liegt mir besonders am Herzen. Jeder Landarzt der keinen Nachfolger findet, ist ein großer Verlust an Lebensqualität für die Menschen in den jeweiligen Dörfern oder kleinen Gemeinden. Hier müssen Bund und Land noch enger zusammenarbeiten.

Aber wie wollen Sie das lösen?
Der Ärztemangel im ländlichen Bereich kann nur gelöst werden, wenn wir mehr Medizin-Studienplätze für diejenigen zur Verfügung stellen, die auch bereit sind, aufs Land zu gehen. Der Numerus Clausus darf hier nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ein Ansatzpunkt wäre auch, talentierte, heimatverbundene Fachkräfte aus den Berufsgruppen Krankenpflege und Rettungsdienst für einen erweiterten Bildungsweg in Richtung Medizin zu motivieren.

Eine zentrale Frage könnte auch die zukünftige Ausrichtung der oberfränkischen Hochschullandschaft sein.
Bespielweise kann man Medizin und auch Ökotrophologie in Oberfranken noch nicht studieren. Dies muss ja nicht für immer so sein. Gerade in diesen Bereichen bieten sich Anknüpfungspunkte bestehender Einrichtungen in Kulmbach und Lichtenfels.

Solch eine Entwicklung passiert natürlich nicht von heute auf morgen. Aber wir brauchen auch Ziele und Visionen, die wir gemeinsam angehen können. Ich bin Oberfränkin durch und durch und deshalb werde ich alles daran setzen, dass unsere Heimat nicht hinten runterfällt, sondern eine vielversprechende Zukunft hat.