Die Leiterin des Bauernmuseums in Frensdorf bei Bamberg, Birgit Jauernig, erläuterte die Ursprünge dessen, was heutzutage als Tracht angesehen wird. Sie präsentierte Beispiele für historische Gewänder aus dem Kulmbacher Land und für erneuerte, moderne Versionen dieser Kleidung. "Tracht wird von vielen Menschen als fast uniforme, angeblich regionaltypische Kleidung verstanden, die sich im Laufe von Jahrhunderten kaum verändert hat. Und das ist nicht der Fall", überraschte Jauernig die Zuhörer.
Gewänder, die für Regionen oder Berufe typisch waren, gab es schon seit Jahrhunderten. Alltags- und Festtagstrachten unterschieden sich oft erheblich. Sie unterlagen einem steten Wandel und haben sich immer weiter entwickelt. Bemerkenswert erschien vielen Anwesenden, dass die Tracht der Protestanten in Oberfranken in vielen Fällen unglaublich farbig war, nur zu festlichen Anlässen trug man schwarz.
Groß in Mode kamen Trachten in Folge eines königlich bayerischen Aufrufs aus dem Jahr 1842, nachdem sich aus allen Bezirken Bayerns Brautpaare in ihrer regionaltypischen Kleidung nach München zur Hochzeit des Kronprinzenpaares begeben sollten. Aus Kulmbach habe leider kein Paar daran teilgenommen. Aus Pechgraben liege aber eine Beschreibung der Kleidung eines Bewerberpaars vor. Die Frau trug eine kamelgraue Jacke, einen Brustlatz wahlweise aus Samt oder Seide, einen schwarzen Tuchrock in Falten gelegt. "Je faltiger, desto teurer war der Rock, da mehr Material benutzt wurde". Auf dem Kopf trug sie ein schwarzes Tuch und darüber eine Haube, die silbern bestickt war. Der Herr trug einen blauen oder schwarzen Überrock, darunter lange Tuchhosen gleicher Farbe. Auf seinem Kopf saß ein "spitziger Hut mit niedergebogener Krempe". Schwarz oder dunkelblau war die Festtagstracht. Diese Farben waren sehr teuer und schwer zu färben.
Regionaltypische Trachten seien seit einigen Jahren in Oberfranken wieder gefragt. Es gebe immer mehr Anfragen von Vereinen, Musikkapellen, Tanzgruppen, aber auch von Einzelpersonen nach einer eigenen, erneuerten Tracht. "Wir erfinden Trachten nicht neu, wir erneuern sie auf Basis alter Vorbilder, die zum Teil noch erhalten sind, sich oft aber auf Gemälden, Druckgrafiken und sogar Steckbriefen wiederfinden", erläuterte Jauernig ihre Vorgehensweise. Im Jahr 2009 konnte so bereits die erneuerte Frauentracht für das Coburger Land vorgestellt werden, ihr folgten 2010 folgte ein Modell für die Damen Kulmbachs und 2011 die erneuerte Bamberger Tracht.


Familienschatz aus Ködnitz

Die Kulmbacher Trachten, die in den Beständen des ehemaligen Luitpoldmuseums während des Zweiten Weltkriegs auf der Plassenburg aufbewahrt wurden, verbrannten bei Kriegsende. Vor einigen Jahren habe sie von der Familie Degelmann aus Ködnitz ein wunderbares Trachtenkleid aus dem 19. Jahrhundert erhalten, das einst ihrer 1917 verstorbenen Urgroßmutter Luise Nützel aus Ködnitz gehört hatte und an diesem Abend auf der Plassenburg auf einer Schneiderpuppe präsentiert wurde. Die in gedeckten Farben gehaltene Kombination aus Mieder, Faltenrock und Schürze erwies sich laut Jauernig als Zusammenfügung aus mehreren verschiedenen Kleidern: "Das ist ein großes Glück, solche Stücke zu haben. Sie waren die Grundlage für eine erste Version einer erneuerten Kulmbacher Frauentracht". Eine zweite Schneiderpuppe zeigte daneben diese Neuschöpfung in sommerlichen, helleren Farben, Blümchenmuster und leicht geändertem, Schnitt, der einen angenehmeren Tragekomfort verspreche.
Dass es noch keine derartige Kleidung für die Männer Kulmbachs gäbe, liege zum einen an der schlechten Forschungslage, es gäbe kaum Beispiele. Die Expertin bedauerte dies: "Uns ist nur eine einzige Lederhose aus Kulmbach bekannt, die mir vor einige Jahren von einer Familie gezeigt wurde". Zum anderen sei noch keine große Nachfrage zu spüren, die notwendig sei, um Dinge ins Rollen zu bringen.

Trachtenberatung

Die Trachtenberatung Oberfranken im Bauernmuseum Bamberger Land (Hauptstraße 3, Frensdorf, www.trachtenberatung-oberfranken.de) hat in Zusammenarbeit mit Trachtenerneuerung und Maßschneiderinnen neue Entwürfe erarbeitet. Einige davon können auch als Schnittmuster erworben werden. Im Bauermuseum werden außerdem Nähkurse für Trachten angeboten.