Was den Schauspieler Markus Veith auszeichnet, ist seine uneitle Art, Texte mit wenigen Accessoires und Mimik mit Leben zu erfüllen. Wilhelm Busch hätte sich damit wohl wieder erkannt.

"Ein jeder Narr tut, was er will." Mit diesem Galopp durch Wilhelm Buschs Verse gastierte Veith am Wochenende im Stadtsteinacher Frankenwaldtheater. In dem 1-Mann-Stück schlüpft Veith in die Rolle des schrulligen Einsiedlers, der zunächst wenig begeistert ist, dass ihm das Publikum über die Schulter schauen will. Wilhelm Busch war zeitlebens Junggeselle und stolz darauf, sich von niemand Vorschriften machen lassen zu müssen.

Sich genüsslich dem Tabak und Alkohol hingeben, wie es ihm gerade einfiel, war vielleicht das äußere Zeichen der künstlerischen Freiheit, die er brauchte, um zu seiner Zeit etwas ganz Neues zu schaffen: Die Karikatur - vergleichbar mit dem begnadeten Zeichner Horst Janssen, der in Suff und Chaos eine verzerrte Bilderwelt schuf - ganz im Gegenteil zu dessen Studienkollegen Vicco von Bülow alias Loriot, der den Witz seiner Figuren sehr wohl kalkulierte.

Loriots Knollennasen-Männchen sind dennoch genauso wie Buschs Geschichten von "Max und Moritz" ein fester Bestandteil der deutschen Kulturgeschichte geworden. Wilhelm Busch hat jedoch auch über 1000 Ölbilder gemalt, die er aber niemandem zeigte, weil er meinte, sie seien nicht gut genug. Vielleicht weil er schon früh zu der Erkenntnis gelangte: "Oft trifft man wen, der Bilder malt, viel selt'ner wen, der sie bezahlt."

Trotzdem war Busch kein notleidender Künstler: Von seinen Bildergeschichten allein konnte er sehr gut leben. Markus Veith genügen wenige, dafür aber umso bezeichnendere Requisiten, um all die vielfältigen Charaktere aus Buschs Bildergeschichten darzustellen: Palette und Pinsel, eine Staffelei, Stuhl, Pfeife, Bierkrug und natürlich Feder, spitzer Bleistift und Notizbuch. Die Bildergeschichten setzt Veith mit vollem Körpereinsatz um, mal philosophisch, mal schrullig, mal zickig, mal jämmerlich, mal laut polternd.

Wenn Veith vom Bühnenrand aufs Parkett knallt, dann war das kein Fehltritt, sondern effektvoll kalkuliert. Beispielsweise in der Geschichte von Balduin Bählamm. Dem Verwaltungs-Schreiber, der sich aber zu "Höherem" berufen fühlt und darum ringt, von der Muse geküsst zu werden - Buschs Karikatur gegen einen überirdischen Kunstbegriff. Just in dem Moment, in dem Bählmann seine Gedanken zu Papier bringen will, wird er von der Realität gestört: Einer lärmenden Kinderschar, seiner Ehefrau, einer laut muhenden Kuh oder dem Dorflausbuben Jörg. Und letztlich leidet Bählamm wahre Höllenqualen an Zahnschmerzen. Zumindest wird das nichts mit der Dichtkunst.

Nicht fehlen darf "Maler Klecksel", der den bürgerlichen Kunstkenner aufs Korn nimmt; das Getue darum, als ob an sich zweckfreie Werke in der Kunst aus dem Nirvana die Erde berührte - und nicht auch handwerkliche Übung und schließlich Können sei. Am Ende wechselt Klecksel den Beruf und wird Schankwirt in seiner Stammkneipe.

Knapp zwei Stunden lang gibt Markus Veith einen Einblick in die Arbeit und das Leben des hintersinnigen Humoristen Wilhelm Busch. Er spielt das, ohne zu dozieren. Vieles regt zum Schmunzeln an, die großen Lacher gibt es nicht. Das Publikum entdeckt sich hinter den Reimen selbst - und damit erstickt die Selbstfindung das Lachen zum Schmunzeln.