Seit seinem Auftritt am Freitag in der Dr.-Stammberger-Halle weiß ich es. Meine persönliche Neugier - eine Berufskrankheit - hatte mich in die Stadthalle getrieben. Ich wollte Höcke und seine Mitstreiter einmal live, hautnah, ungekürzt, quasi ohne Filter erleben, um mir selbst ein Bild zu machen. Mein Fazit nach drei Stunden: Es war ein mehr als beklemmender Abend.

Und das lag nicht allein an den auf der Bühne geäußerten, gefährlich manipulativen Botschaften und zum Teil hanebüchenen Tatsachenverdrehungen (Beispiel gefällig: AfD-OB-Kandidat Hagen Hartmann ging in seiner Leugnung des Klimawandels so weit, dass er behauptete, am Nordpol würden vielmehr neue, riesige Eisflächen wachsen. Das habe aber leider nur eine Handvoll Wissenschaftler bemerkt, deshalb sei es noch nicht so bekannt. Na, Hauptsache, Herr Hartmann weiß es.).

Kritiker werden beleidigt

Nein, mein ungutes Gefühl begründete sich vor allem in dem, was ich an diesem Abend als neutrale Zuhörerin ganz persönlich erlebt habe. Da am Pressetisch kein Stuhl mehr frei war, suchte ich mir eine Reihe weiter einen Platz. Und setzte mich damit praktisch mitten ins Geschehen. Denn neben und gegenüber von mir saßen vier junge Leute, von denen später zwei des Saales verwiesen werden sollten. Sie hatten zunächst neutral die Reden verfolgen wollen, wie sie mir eingangs erzählt hatten.

Interessant wurde es, als sie die eine oder andere Aussage der AfD-Redner und Rednerinnen auf der Bühne mit Lachen oder Buh-Rufen quittierten. Ein älterer Herr an unserem Tisch begann daraufhin, sie mit seiner Kamera und seinem Handy gezielt zu fotografieren und zu filmen. Die höfliche Aufforderung meiner jungen Sitznachbarin, dies doch bitte zu unterlassen, beantwortete er mit dem gestreckten Mittelfinger und eindeutigen Gesten in ihre Richtung, sie solle doch einfach verschwinden.

Pressevertreter angefeindet

In meinem Fall reichte es schon, einfach nicht zu applaudieren oder mit zu grölen an den "richtigen" Stellen. In einem Umfeld begeisterter AfD-Anhänger war das am Nachbartisch anscheinend schnell aufgefallen. So stand ich fast von Anfang an unter Beobachtung, spürte unablässig bohrende Blicke auf mir, die mich wohl verunsichern sollten. Schaute ich mal nach rechts (ja, es war tatsächlich diese Richtung), wurde ich "wissend" angegrinst oder mir wurde zugeprostet.

Dass ich ins Visier genommen worden war, fiel sogar meinen Kollegen am Pressetisch auf. Nachdem sich eine meiner jungen Tischnachbarinnen lautstark Luft gemacht hatte zu den Aussagen Hagen Hartmanns zur Asylpolitik und zusammen mit ihrem Begleiter von Ordnern rausgeschmissen wurde, tönte es mehr als einmal "Gesindel" und "Dreckspack" vom Nachbartisch in unsere Richtung. Doch wie hatte AfD-Kreisvorsitzender Georg Hock zu seinen Leuten so schön gesagt: "Lasst euch nicht provozieren." Und das taten auch wir nicht.

Als ich am Ende der Veranstaltung den Saal verließ, hatte ich meinen "Verehrer" vom Nachbartisch prompt dicht auf den Fersen (und das im wortwörtlichen Sinn, denn er trat mir zwei Mal in die Hacken). Es mag ein Zufall gewesen sein, dass ausgerechnet er hinter mir lief, doch er nutzte die Gelegenheit und gab mir noch ein von hinten zugerufenes "Jawoll, raus jetzt!" mit auf den Weg.

Tatsächlich war ich froh, raus zu sein. Und was soll ich sagen? Als ich dann nachts allein durch Kulmbach zu meinem geparkten Auto ging und dabei sogar unter anderem dem AfD-Feindbild Nummer 1 begegnete, jungen Männern mit offensichtlichem Migrationshintergrund, fühlte ich mich tausendmal sicherer und wohler als in den drei Stunden zuvor in der Stadthalle.

Einen weiteren Beitrag zu Höckes Auftritt in Kulmbach lesen Sie hier.