Klirrende Kälte und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt am Morgen können Claudia Hauenschild, biologisch-technische Assistentin des Wasserwirtschaftsamtes in Hof, und Volker Kirschenlohr von der Regierung für Oberfranken, Spezialgebiet Gewässerschutz, nicht schrecken. Mit Gummistiefeln, Gummihosen warmen Parkas und Handschuhen machen sich die beiden unterhalb und oberhalb der Fischteiche in der Kleinrehmühle auf der Suche nach Leben. Nach dem Fischsterben in der Steinach gibt es Mutmaßungen, dass abgelasseneTeiche, die mit Kalk gereinigt worden waren, die Ursache für die Fischkatastrophe sein könnten. Doch die Experten wollen diese Mutmaßungen noch nicht bestätigen. Denn die Untersuchungen sind noch im Gange.

Tatsache ist: Zwischen Kleinrehmühle und Steinachklamm verendeten Hunderte Fische. Möglicherweise ist aber noch mehr passiert. Auch viele andere Lebewesen könnten ausgelöscht worden sein. "Wir nehmen deshalb den Makrozoobenthos unter die Lupe", erklärt Volker Kirschenlohr. Als Makrozoobenthos bezeichnet man alle tierischen Organismen, die auf dem Gewässerboden leben und die noch mit bloßem Auge erkennbar sind. Normalerweise tummeln sich Hohltiere, Schnecken, Egel, Insektenlarven aller Art und Käfer in den Gewässern. Und viele dieser Tiere sind wieder Futter für die Fische.

"Wir brauchen für unsere Untersuchungen eigentlich keine große Gerätschaften", sagt Claudia Hauenschild und zeigt ein Sieb, eine Auffangschale und ein paar Gläser, in denen lebende oder tote Fundstücke eingefüllt werden können.

Sauerstoffsättigung in Ordnung


Messgeräte geben zusätzlich Auskunft über den Sauerstoffgehalt des Wassers und über den pH-Wert. "Wenn Wasser mit Gülle verunreinigt wurde, dann ist die Sauerstoffsättigung ein Problem", erklärt Kirschenlohr. Doch das ist nicht der Fall, sehen die Experten auf den ersten Blick. Bei einer Wassertemperatur von sechs Grad unterhalb der Keinrehmühle liegt die Sauerstoffsättigung bei mehr als 82 Prozent. Das ist in Ordnung.

Claudia Hauenschild hält den Sensor zur Feststellung des pH-Wertes ins Wasser. Fische fühlen sich bei einem Wert von 7,5 wohl, können aber bis zu 8,5 aushalten. Darüber wird es prekär. Kalkeinleitung sorgt dafür, dass der pH-Wert ansteigt. Sobald aber Wasser dazugemischt wird, normalisiert sich der Wert relativ schnell wieder. Der gemessene pH-Wert ist erhöht, aber auf den ersten Blick bereits wieder im tolerierbaren Bereich.

Kein gutes Zeichen


Volker Kirschenlohr fischt unterdessen einen Stein aus dem Wasser und dreht in um. Nichts. "Eigentlich müsste ja oberhalb der Kleinrehmühle alles intakt sein, hier unterhalb rührt sich nichts", sieht der Experte auf den ersten Blick und zeigt auf kleine Linien. Die beweisen, dass es auf dem Stein einmal Leben gegeben hat. Auf einem anderen Stein finden sich abstehende kleine Röhren, die ein bisschen wie unscheinbare Korallen ausschauen: verlassene Larvenröhren. Das ist nichts Ungewöhnliches. Denn wenn die Larven geschlüpft sind, bleiben die Röhren zurück, erklärt Kirschenlohr. Doch ungewöhnlich ist, dass sich im Wasser so gar nichts tummelt. Kein gutes Zeichen.

"Wenn Kalk die Ursache für das Fischsterben gewesen sein könnte, sind immerhin keine chemischen Verunreinigungen im Wasser. Dann braucht alles nur Zeit, um sich wieder zu regenerieren", so Kirschenlohr. Noch rätseln die Experten, wie hoch die Schadstoffwelle war, wie sie eingespült wurde.

Auf den ersten Blick fallen den beiden Experten Schlammmassen im Bach auf. "Hier sind normalerweise nur Steine, dass der Schlamm an beiden Uferseiten liegt, spricht dafür, dass der Fluss voll überspült worden sein könnte", mutmaßt Kirschenlohr. Doch er will den Untersuchungen nicht vorgreifen.

Mühevolle Kleinarbeit


"Da ist etwas, ich glaube, da bewegt sich was", schaut unterdessen Claudia Hauenschild genau hin und zeigt auf ein winziges kleines Etwas in der weißen Schale: Nicht-Experten könnten glauben, es handelt sich um einen länglichen Schmutzpartikel vom Gewässergrund, aber es ist wohl eine Eintagsfliegenlarve, die noch zappelt. Auch kleine Würmer und einen Egel entdecken die beiden im Gebiet, wo das Fischsterben besonders gravierend war. "Die sind aber auch nicht mehr ganz in Ordnung", urteilt Kirschenlohr und zeigt auf die taumelnden Lebewesen. Er packt die immerhin noch lebendigen Fundstücke in das Glas zu detaillierten Untersuchung. Stichprobenweise suchen die Experten die Gewässer und Zuläufe zur Steinach ab, nehmen Proben oberhalb der Kleinrehmühle und unterhalb, bis hinunter zur Steinachklamm und weiter. Es ist eine mühevolle Arbeit - doch sie ist wichtig, um festzustellen, ob es noch Leben im Wasser gibt und in welchem Ausmaß.

Erst in den nächsten Tagen wird klar sein, ob wirklich alles oder fast alles Leben vernichtet worden ist, ob noch Lebewesen verschont sind. Und dann wissen die Fachbehörden auch, wie weit die Steinach tatsächlich betroffen ist - und welches Ausmaß das Fischsterben auf die gesamte Natur hat.