Über Jahrzehnte hinweg war die Bierstadt Kulmbach ein Dorado für Schlittschuhläufer. Kein Wunder, denn jede Brauerei hatte mindestens einen Eisweiher. Auch wenn die Kühlmaschine schon erfunden und in den größeren Betrieben schon Einzug gehalten hatte, so war das billigste Kühlmittel für die heißen Sommermonate immer noch das Eis. Und das wurde aus den vielen Eisweihern im Stadtgebiet "geerntet".


Bewachsene Insel mitten im Weiher


Älteren Mitbürgern ist sicher noch der Rizzi-Weiher in Erinnerung. Er befand sich auf dem Gelände des heutigen Real-Markts. Der Sandlerweiher nebst gewaltigem Eishaus befand sich in der Blaich zwischen der Caspar-Fischer- und der Weltrichstraße. Gleich gegenüber, idyllisch gelegen, der Mönchshof-Eisweiher - im Winter ein Dorado für Schlittschuhläufer. Die bewachsene Insel in der Mitte war im Sommer ein Treffpunkt für Kahnfahrer.

Das weitaus größte Gewässer befand sich in der Lichtenfelser Straße, der Eisweiher der Reichelbräu. Dort spielte im Winter die Musik - im wahrsten Sinne des Wortes.


Eine Kufe mit vier Krallen


Alle diese Eisflächen und auch die der kleineren Brauereien lockten die Kulmbacher im Winter an die frische Luft. Was sollte man auch sonst tun vor 115 Jahren? Schlittschuhlaufen hatte sich zum beliebten und günstigen Volkssport entwickelt. Die Eisenhandlungen Howeg, Obere Stadt/Ecke Spitalgasse, Paul Heyde am Marktplatz und Haberstumpf im Kressenstein hatten Mühe, die Nachfrage nach diesen Eissportgeräten zu befriedigen.

Ein Schlittschuh bestand damals aus einer Kufe, einer Schuhauflage und vier Krallen mit denen man das Sportgerät an seinem Schuh, idealweise an einem solchen, der über die Knöchel reichte, befestigen konnte. Und wer sich keine leisten konnte, hatte Gelegenheit, sich auf den glatt gefegten "Hätschelbahnen" die Zeit zu vertreiben. Eishockey war dagegen noch unbekannt.


Marktbuden und Livemusik


Aber Bewegung an der frischen Luft macht hungrig und durstig. Marktbuden mussten her, sowohl für Getränke, als auch für feste Nahrung. Schon bald begann sich das schöne Freizeitvergnügen zu kommerzialisieren. Bereite 1901 hatte sich ein Komitee zur Pflege und Instandhaltung der Eisbahn auf dem Reichelweiher gebildet. Die kostete natürlich Geld. So wurde 1902 unter den Liebhabern des Einssports eine Sammlung veranstaltet. Sie erbrachte die stolze Summe von 372 Mark.

Dazu kamen noch Einnahmen durch den Verkauf von Eintrittskarten. Diesen Einkünften standen Kosten für die Anfuhr, Aufstellung und Miete der Marktbuden gegenüber sowie Löhne für die Reinhaltung der Eisbahn. Die finanzielle Seite wurde von Conrad Schramm abgewickelt.

Wenn heutzutage auf der Kunsteisbahn am Schwimmbad eine "Eisdisco" stattfindet, dann ist das ein alter Hut. Solche Veranstaltungen gab es schon vor weit über 100 Jahren in Kulmbach: auf dem Reichelweiher. Ohne Musikkonserven und elektronische Verstärker wohlgemerkt. Dafür war die "vollständige Kapelle Beyerlein" live aufmarschiert. Die Akteure, gut eingepackt und mit dicken langen Unterhosen aus Schafswolle versehen, spielten schneidig auf. Das Ganze geschah nicht bei Dunkelheit. Da mangelte es noch an geeigneter Beleuchtung.


Immer wieder sonntags


Die "Events" fanden bei "entsprechender Witterung" natürlich immer am Sonntag statt. Dann wimmelte es an der Lichtenfelser Straße von Besuchern aller Alterstufen. Eigentümer von Jahreskarten konnten das Spektakel kostenlos erleben, ansonsten wurden von Erwachsen 20 Pfennig und von Kindern zehn Pfennig Eintrittsgeld erhoben. Für jeden Auftritt mussten an die Musikkapelle 20 Mark abgedrückt werden.

Und was mit dem Reichelbräu-Eisweiher vorgemacht wurde, das wollte natürlich auch bald die Mönchshofbräu haben. Im neu ins Leben gerufenen "Mönchshof-Volksgarten" gab es eine große zusammenhängende und idyllisch gelegene Eisfläche und zwar dort, wo sich heute der Markgrafen-Getränkemarkt und der große Parkplatz befinden. Mit Anzeigen "Auf zur Mönchshof! Heute großes Eisfest mit Konzert" wurde dafür in den Tageszeitungen geworben.


Schnell wieder zugefroren


Bevor die Eisweiher für den Winter mit Wasser geflutet wurden, mussten sie erst gereinigt werden. Sand, Schlick und Unrat wurde entfernt; außerdem vertrocknetes Gras beseitigt und die flachen Uferböschungen von Gestrüpp befreit. Wenn das Eis dick genug war, konnte "geerntet" werden. Dann kam der Brauereitrupp mit Handsägen und teilte das Gefriergut in rechteckige Floße, die dann, meist von Halbwüchsigen zum Förderband Richtung Einhaus gestakt wurden.

Eine solche Eisernte unterbrach natürlich das bunte Treiben auf den Weihern. Aber nur für kurze Zeit. Damals war das Schlagwort "Erderwärmung" noch unbekannt. Bald überzog wieder eine feste Eisdecke die Weiher der Bierstadt ...