Erich Wochele von "Tin, Skin & Wire" und Dieter Hübner von den "Hollys" schwelgen in tönender Erinnerung.

Und es begab sich zu der Zeit, als Bands wie die "Telstars" und "Mediums" mit "Mendocino" und "Weine nicht, kleine Eva" die oberfränkischen Tanzsäle füllten. Da schlugen sieben junge Musiker aus Kulmbach ganz neue Töne an. Mit Bläser-Rock und groovigem Soul avancierte die Band "Tin, Skin & Wire" zu einer der Hauskapellen im "Old Baily" in Bayreuth.

Der Schuppen ist in den 70er Jahren "ein Club voller GIs", sagt Erich Wochele. Der heute 66-jährige Grafikdesigner ist damals Anfang 20 und mittendrin statt nur dabei. Er singt und spielt (freilich nicht gleichzeitig!) die Trompete bei "Tin, Skin & Wire" (TSW).

Die "Amis" fahren voll ab auf den German Soul - und die Bläserfraktion ist quasi das Alleinstellungsmerkmal jener Band, die sich rühmen kann, den ersten Platz bei der Einstufung aller vom "American Club Management" verpflichteten Gruppen eingeheimst zu haben. Das will was heißen!

Der Bekanntheitsgrad der siebenköpfigen Formation wächst rasant, so dass die Mitwirkung bei einem neuen Format des Bayerischen Rundfunks nur eine Frage der Zeit ist. "18, 19, Musik" lautet der Titel der Sendung, in der sich TSW live präsentieren dürfen.


Auftritt bei Gottschalk

Moderator ist ein gewisser Thomas Gottschalk. "Der hat damals bei mir gleich um die Ecke gewohnt." Erich Wochele setzt sein breitestes Lächeln auf, blättert in einem Bildband und deutet auf ein Schwarz-Weiß-Bild. Unverkennbar: der blonde Lockenkopf inmitten von Teens und Twens im Kulmbacher Vereinshaus, davor Erich (damals noch mit Vollbart) und seine Mitstreiter in der Besetzung Roger Schoberth (Saxofon), Peter Lubig (Gitarre), Werner Haberstumpf (Bass),

Gerhard-Paul Köstner (Gitarre), Joachim Schmidt (Keyboard/Orgel) und Joachim Henning (Drums).
Der Auftritt mündet in einen Vertrag mit dem BR, welcher der Band einige Jingles abkauft, die viele Jahre später noch in TV-Dokumentationen wie auch in der Krimireihe "Derrick" zu hören sind. Der Jazz-Rock a la "Chicago" und "Blood, Sweat and Tears" oder der Funky-Groove der "Doobie Brothers" ("Long train running") entwickeln sich zum Markenzeichen der Band.


Deutsches Liedgut

Vorrangig deutsches Liedgut hingegen ist es, was zur gleichen Zeit Dieter Hübner zum Besten gibt. Er ist der hoch gewachsene Keyboarder bei einer Drei-Mann-Formation, die sich 1973 noch "The Golden Rose" nennt und vier Jahre später (und um zwei Köpfe "reicher") schließlich zu den "Hollys" wird, angelehnt an die "Hollies" aus Manchester.

Zusammen mit Roland Siegismund an der Schießbude und Heinz-Jürgen Weber an der Gitarre schwoft der gelernte Großhandelskaufmann Hübner anfänglich zu gepflegter Stimmungsmusik und Schlagern. Nachdem Gerhard Goller als zweiter Gitarrist und Hubert Kurz (Bass) dazustoßen (es folgen noch Ex-"Telstars"-Bassist Günter Schiller und Multiinstrumentalist Jürgen Oley von den "Tornados"), ändert sich auch die Mucke, wird rockiger. Vor allem bei Motorrad-Treffen in der Region ist die Gruppe sehr gefragt.

Zu diesem Zeitpunkt agiert Dieter Hübner bereits souverän an den Tasten. "Meine erste Orgel war eine ,Jumbo' und mit viel Mühe zusammengespart", sagt er und schiebt zum Beweis ein kleines Foto rüber. Der Schlaks ist darauf gerademal 17 und steht hinter einer Tastatur in orangefarbener Hülle. Des Kulmbachers Mähne wallt ihm bis auf die Schultern. "Ohne lange Haare? Das ging für mich nie", sagt er und fährt sich durch die - wenn auch etwas lichtere - "Matte".


Im Verein mit Franz Trojan

Ursprünglich spielt Dieter Hübner Akkordeon, bevor er die Faszination der Orgel für sich entdeckt. Er lernt in dieser Zeit auch Franz Trojan kennen - der soll später als Drummer der Spider Murphy Gang groß rauskommen. "Franz hat den Sprung nach München gewagt, das war mutig, kam aber für mich nicht in Frage." Ein Leben als Profimusiker schlossen er und Kollege Erich Wochele für sich immer aus.

Aber Ziele - die hatten beide mit ihrer jeweiligen Formation trotzdem. Ganz oben stand die Absicht, die großen Säle jener Zeit zu entern. "Damals hatte fast jedes Dorf so eine Location. Wir wollten natürlich in Schwingen spielen, in Maineck und in Modschiedel, wo die Post abging. Bist du da aufgetreten, dann zähltest du zu den Besten. Der Ehrgeiz war da - aber fast überall waren Bands wie die Telstars oder die Melodas schon drin."

Was den beiden Musiker getrennt in jungen Jahren verwehrt blieb, gelang ihnen gemeinsam vor drei Jahren: 2015 spielten Hübner und Wochele mit der Soul-Reggae-Funk-Rock-Formation "CJ & The Sunshine Gang" in Schwingen. "Eine späte Genugtuung", tupft der Trompeter hin. Und der Keyboarder bestätigt mit einem heftigen Nicken.

In der Band vereint sind die beiden seit neun Jahren. Namensgeber ist Sänger Charles Johnson (CJ) - der schon in den Siebzigern bei "Tin, Skin & Wire" am Mikrofon stand. "Wir kennen uns ewig", sagt Erich Wochele. Genau das macht für ihn neben der musikalischen Betätigung das Bandleben aus. "Du stehst in guten wie in schlechten Zeiten zusammen. Deine Mitmusiker spenden Trost, wenn du Probleme hast, und freuen sich mit dir. Es sind richtige Freundschaften entstanden."


"Nepomuk" statt "Old Baily"

Nicht zu vergessen: das Adrenalin, das jeder Auftritt beschert. Das euphorisiert regelrecht, bekunden beide unisono. Zu erleben, welche Freude die Musik dem Publikum bereite, mache dieses Hobby so einzigartig. "Wir haben in unserem langen Musikerleben viele Auftrittsorte wie auch Veranstalter kommen und gehen sehen."

Erich Wochele muss wieder an das "Old Baily" denken, das heute "Aktienkeller" heißt und nur für wenige Jahre Musikern eine Bühne war. Diese Plattform bietet der "Sunshine Gang" heute drei Mal im Jahr das "Nepomuk" in Altenkunstadt (das nächste Mal übrigens beim Open-Air am 4. August). Dort feiern die Jungs mit ihren Fans noch genauso ausgelassen, als wären die Siebziger nie vergangen.