Was viele befürchtet haben, wird Realität: Dem Marktschorgaster Bahnhof, der noch barrierefrei ist, wird die Barrierefreiheit genommen. Schon im Frühjahr startet die Bahn den großen Umbau, mit dem ein Brückenwerk geschaffen wird, über das künftig der Zugang vom Bahnhof zu Gleis 2 erfolgen soll. Bis dato nutzen Zugfahrer einen höhengleichen Übergang, der aus Sicherheitsgründen aber nicht aufrechterhalten werden kann.

Dabei hätten viele gegen die sechs Meter hohe Überführung ja nichts einzuwenden, wenn denn auch ein Aufzug geschaffen würde. Der ist aber nicht vorgesehen. Der Zugang soll über eine Treppe erfolgen. "Das ist eine Zumutung vor allem für viele ältere Leute, die nicht mehr so beweglich sind", sagt Bahnfahrer Klaus Heinrich (81), der weiß, dass die 42 Stufen auch für all die, die allein mit dem Kinderwagen zum Zug wollen, zu einem Hindernis werden können.

Proteste blieben erfolglos

Die Bahn hat sich trotz des vehementen Protestes nicht von ihren Planungen abbringen lassen. In Marktschorgast wurden Unterschriften gesammelt, eine Petition im Landtag wurde eingereicht, über die 2017 in einer Sitzung des Wirtschaftsausschuss kontrovers diskutiert worden war. Letztlich blieben alle Bemühungen erfolglos.

2020 gibt die Bahn nun den Startschuss für das Großprojekt. 4,1 Millionen Euro werden investiert. Nicht nur in den Übergang, dessen Kosten auf 650 000 Euro beziffert werden. Mit dem Geld wird der Mittelbahnsteig abgebrochen, ein neuer Außenbahnsteig für Gleis 2 ebenso gebaut wie ein neuer Bahnsteig für Gleis 1. Wie ein Bahnsprecher mitteilt, würden auch Wetterschutz-Häuschen und ein Blindenleitsystem geschaffen. Die Inbetriebnahme sei für Januar 2022 vorgesehen.

Zu einem späteren Zeitpunkt?

Was den Aufzug betrifft, so macht der Pressesprecher deutlich, dass dieser eventuell zu einem späteren Zeitpunkt über ein mögliches Sonderprogramm des Bundes nachgerüstet werden könnte. Mittel für den barrierefreien Ausbau würden nur bei Bahnhöfen mit einem größeren Fahrgastaufkommen fließen. In Marktschorgast sollen es pro Tag nicht mal 400 Zuggäste sein.

Die Option, dass die Gemeinde selbst die Aufzüge errichtet, hat der Markt nicht gezogen. "Wir investieren als kleine Kommune keine 500 000 Euro, um für ein börsenorientiertes Unternehmen für die Barrierefreiheit zu sorgen", sagte 2017 Bürgermeister Hans Tischhöfer (FW) dem Reporter, der für das Magazin "Quer" im Bayerischen Fernsehen berichtet hatte. Zu TV-Ehren könnte Marktschorgast 2022 wieder kommen. Dann, wenn dem barrierefreien Bahnhof die Barrierefreiheit genommen worden ist.

Bahnfahrer: So hätte man Geld gespart

Die könnte man, davon ist Klaus Heinrich überzeugt, problemlos erhalten. Wenn man im Zuge der jetzigen Gleisarbeiten vor dem Bahnhof, aus Neuenmarkt kommend, eine Weiche umbauen würde. "Dann könnten alle Züge über Gleis 1 einfahren. Und man würde sich viele Millionen Euro sparen." Dazu ein Kommentar von Alexander Hartmann

So macht die Bahn nicht mobil

Es ist aberwitzig. In der Stadt Kulmbach kämpft man seit Jahren um die Barrierefreiheit am Bahnhof, die aber nicht kommt. Und in Marktschorgast gibt es die Barrierefreiheit, die den dortigen Bahnfahrern nun aber genommen wird. Mit dem Bau der Überführung verschwindet der höhengleiche Übergang, den viele schätzen, ermöglicht er es doch, ebenerdig die Gleise zu wechseln.

Dass der Bahnhof aufgewertet wird - ein positives Signal für Marktschorgast. Dass der jetzige Übergang aus Sicherheitsgründen nicht mehr tragbar ist - nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist allerdings, dass die gigantische Summe von vier Millionen Euro investiert wird, aber kein Geld in das Puzzle-Teil gesteckt wird, das den Bahnhof auch zukunftsfähig machen würde: in einen Aufzug, der all denen, die nicht so mobil sind, den Übergang zu Gleis 2 erleichtern würde.

Die Bahn baut Hindernisse und nimmt Mobilität. Die Hoffnung darauf, dass der Aufzug nachgerüstet wird, ist bei vielen Marktschorgastern gering, denn erst ab 1000 Ein- und Ausstiegen pro Tag fließen Mittel in die Barrierefreiheit. Knapp 370 Zugfahrer wurden 2017 in Marktschorgast gezählt. Und es werden, da muss man kein Hellseher sein, nach der Millioneninvestition sicherlich nicht mehr werden.