Wenn Vorschriften dazu führen, dass in einem Altenheim Türgriffe für Rollstuhlfahrer um 20 Zentimeter abgesenkt werden müssen, ist das reine Bürokratie? Ist es nicht. Sagt Robert Schott. Der 78-Jährige lebt seit zwei Jahren im Julius-Flierl-Seniorenheim des BRK in Marktleugast. "Da braucht man viel weniger Kraft, um die Tür aufzumachen", erklärt Schott. Und er muss es wissen. Er sitzt selbst im Rollstuhl.

Als ehemaliger Vorarbeiter auf dem Bau hat Robert Schott das Millionenprojekt der Heim-Modernisierung und -Erweiterung seit Mai 2014 genau beobachtet. "Alles sauber ausgeführt", attestiert der Fachmann den "Kollegen" der Baufirmen, die inzwischen die beiden Anbauten für den neuen Eingangsbereich und weitere Zimmer fertiggestellt haben.

Mehr als drei Millionen investiert das BRK in das Projekt, das als erstes seiner Art im gesamten Landkreis nach dem neuen Pflege- und Wohnqualitätsgesetz umgesetzt wird. Das ehemalige Kreisaltenheim, das das BRK durch einen kompletten Neubau ersetzt hat, wird außerdem energetisch saniert und nach der neuen Heim-Mindestbauverordnung modernisiert.


Mehr als 200 Prüfpunkte

Sie besagt unter unter anderem, dass Zugänge in einem Seniorenheim barrierefrei und ohne Rampen auskommen, Türdrücker und Lichtschalter auf 85 Zentimeter Höhe gesetzt, Waschbecken mit dem Rollstuhl unterfahrbar sein und Toiletten einen größeren Abstand von der Wand haben müssen, damit man Rollstühle parallel dazu abstellen kann. Überstände bei den Treppenstufen? Künftig nicht mehr geduldet.

Mehr als 200 Prüfpunkte sind abzugleichen. Sind Änderungen unverhältnismäßig, kann das Landratsamt als Heimaufsicht Befreiungen aussprechen. In Marktleugast will das BRK alle umsetzbaren Normen realisieren, wie Heimleiter Thomas Hammer und BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold erläutern.


Blockheizkraftwerk läuft

Mit den Modernisierungen geht eine Erweiterung des Hauses einher. Der Hauptzugang wird an die rückwärtige Gebäudeseite verlegt, die bisherige zentrale Zufahrt bleibt künftig dem Lieferverkehr vorenthalten. Zusätzlich sind vier rollstuhlgerechte Zimmer und Aufenthaltsräume entstanden, die in der Phase der Altbausanierung sozusagen als Jongliermasse dienen. Das neue Blockheizkraftwerk arbeitet seit September.

Das BRK-Seniorenheim geht auch insofern neue Wege, als künftig Hausgemeinschaften gebildet werden. Aufenthalts- und Küchenbereiche werden zusammengelegt, so dass sich Senioren an der Zubereitung von Speisen beteiligen können. Die Ergotherapeuten kommen in die Gemeinschaften.

Und schließt bekommt auch die Verwaltung des Hauses mehr Platz. Sie wird im Erdgeschoss untergebracht. Der Pflegebereich mit insgesamt 87 Betten befindet sich künftig ausschließlich im ersten und zweiten Stock des Hauses.

Auswirkungen hat die Investition auf die Zahl der Arbeitsplätze. Sie ist inzwischen auf über 100 gestiegen. Das liegt laut Thomas Hammer auch daran, dass das BRK den Menüdienst von der Caritas in Stadtsteinach übernommen hat, die das Angebot im vergangenen Jahr einstellen musste. Seitdem rollt "Essen auf Rädern" aus Marktleugast sogar in das Unterland.

Dass die Arbeitsplätze im BRK-Heim gesichert und noch aufgestockt werden, freut natürlich besonders Bürgermeister Franz Uome (CSU). Für ihn spielen angesichts rückläufiger Einwohnerzahlen sichere Verdienstmöglichkeiten in der Gemeinde eine besondere Rolle. Es sei "ein Highlight für Marktleugast", dass das Seniorenheim durch Modernisierung und Erweiterung auf Jahre gesichert werde, sagt er bei einem Baustellenrundgang.


Bis zum Herbst Baustelle

Was den Fortgang der Arbeiten angeht, ist Thomas Hammer neun Monate nach Baubeginn sehr zufrieden. "Wir haben Glück mit dem Wetter gehabt." Selbst der Umstand, dass alle Arbeiten im Bestand bei laufendem Heimbetrieb ("Sozusagen eine Operation am offenen Herzen") erledigt werden, habe keine nennenswerten Probleme gebracht. "Die Absprache mit den Baufirmen funktioniert", urteilt Heimleiter Hammer. Und hofft natürlich, dass das auch künftig so bleiben wird. Immerhin wird das Marktleugaster Seniorenheim bis in den Herbst hinein Baustelle bleiben.

Und die Finanzierung des Mammutprojekts, das am Ende über drei Millionen Euro kosten wird? BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold hat diesmal zum eigenen Bedauern keine Liste mit Zuschussgebern zur Hand: "Wir bekommen leider keine Förderung. Wir verwenden überwiegend Eigenmittel und zinsverbilligte Darlehen diverser Institute."