Erzählungen von alten Stadtsteinachern berichten von Zeppelinen in den 1930-er Jahren über der Stadt. Ob wieder der "Zeppelin-Moo", wie er im Volksmund genannt wurde, dieses 245 Meter lange Ungetüm steuere, fragten sich viele. Und waren gleichzeitig stolz darauf, dass möglicherweise einer von ihnen, der Zaubacher Johann Geier, das Ruder in der Hand hielt.

Wohl kein anderer aus dem Stadtsteinacher Raum durfte aus einer Perspektive die Welt kennenlernen, wie es wohl nie mehr der Fall sein wird. Ein Schweben in der Luft, oft nur wenige 100 Meter hoch über Städte, Länder, Meere und Ozeane. Nach Meinung vieler Menschen war es vor 80 Jahren die angenehmste Art, weite Strecken zu überwinden.

Geboren wurde Johann Geier am 23. Oktober 1903 als Sohn von Johann Geier und Barbara, geborene Fischer, in Unterzaubach 21. Dessen Familie entstammte aus Oberzaubach 18, also aus der Familie Geier mit dem Hausnamen "Pohla".

Im Jahre 1918 erlernte Johann Geier das Schlosser- und Flaschnerhandwerk in Wirsberg (Firma Schröppel) und arbeitete in verschiedenen Firmen in Kulmbach. "Die Ferne und die Welt liebend, ist es mir als junger Mensch in der Heimat zu eng und zu klein geworden", schrieb er einst zurückblickend.

Schon über 20 Jahre zuvor arbeitete man zielstrebig an einer verspotteten Illusion. Die Idee eines "lenkbaren Starrluftschiffes" trieb den Erfinder und Entwickler, den "Narren vom Bodensee" Graf Ferdinand von Zeppelin (1838 bis 1917), unaufhaltsam voran, um auch nach vielen Fehlversuchen im Jahre 1900 mit seinem LZ 1 erstmals abzuheben.

Die fliegenden Zigarren

Bis 1914 beförderte die Deutsche Luftschifffahrt AG mit ihren "fliegenden Zigarren" auf mehr als 1500 Fahrten insgesamt 25 000 Personen unfallfrei.

Im Jahre 1927 bewarb sich Johann Geier - nichts ahnend, was auf ihn wartet - einfach bei der Werft "Luftschiffbau Zeppelin GmbH" in Friedrichshafen am Bodensee.

Schnell zum Gruppenführer ernannt, baute er mit an dem Luftschiff "Graf Zeppelin (LZ 127)", nahm an verschiedenen Probefahrten teil und wurde 1929 der Luftschiffbesatzung zugeteilt. Als Steuermann fuhr er nun bis zum Ende der Luftschiffsfahrtzeit 1939 auf den Schiffen LZ 127, "Hindenburg" LZ 129 und "Graf Zeppelin II" LZ 130, dem letzten Zeppelin seiner Art.

Mit dieser Arbeit konnte er als unruhiger Geist, strebsamer und fortbildungswilliger Fachmann seine Sehnsucht nach der Ferne in vollen Zügen genießen.

In zwölf Tagen um die Welt

Insgesamt nahm Obersteuermann Johann Geier an 427 Fahrten teil und legte 1 500 000 Kilometer zurück. Unvorstellbar sind die enormen Entfernungen und die Verantwortung, die er für 50 Personen Besatzung und 75 Passagiere inne hatte. Auch bei der Fahrt rund um die Welt im Jahre 1929 war er dabei. Die Flugzeit von zwölf Tagen und zwölf Stunden war für die damaligen Verhältnisse eine grandiose Leistung. Die Reichsregierung ließ extra eine Münze prägen.

Als Johann Geier zur Kirchweih 1931 Kunigunda Kremer (1903 bis 1970), Tochter von Philipp Kremer aus Frankenreuth, ehelichte, flog das Zeppelinschiff LZ 127 über Stadtsteinach, um seinen Steuermann zu überraschen und ihm zur Hochzeit zu gratulieren.

Im Jahre 1935 siedelte Johann Geier nach Frankfurt über, um im Zeppelin-Weltflughafen in verantwortlicher Position zu arbeiten. Er war unter anderem dabei bei der Arktisfahrt 1931, 53 Südamerikafahrten, neun Nordamerikafahrten, zwei Nordlandfahrten (Spitzbergen), an der Orientfahrt (Kairo - Jerusalem) sowie Fahrten nach Moskau, England, Spanien, Sofia oder Rom, um nur die wichtigsten zu nennen. Stolz schrieb er: "110 mal den Äquator überquert." Und das mit einer Marschgeschwindigkeit von etwa 125 Stundenkilometern.

Als der Zeppelin LZ 129 "Hindenburg" mit seinen 242 Tonnen Gesamtgewicht und einer Reichweite von 16 000 Kilometern am 6. Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst (Ney Jersey, USA) zerstört wurde, weil sich die Wasserstofffüllung entzündete, kamen 36 Menschen ums Leben. Es war das erste Unglück in der zivilen Luftfahrt mit Zeppelin-Luftschiffen. Man wollte den leicht entzündlichen Wasserstoff ersetzen und plante, als Traggas Helium zu verwenden. Die USA jedoch, einziger Lieferant von Helium, verboten den Export. Auch bei dieser Fahrt versah Obersteuermann Johann Geier Dienst. Und überlebte die Katastrophe wie durch ein Wunder.

Im August 1939 war Schluss

Die letzte Fahrt eines Zeppelins (LZ 139) wurde am 20. August 1939 an einem Sonntag durchgeführt. Das Schiff überflog dabei auf der Linie Kronach-Bayreuth auch Stadtsteinach. Die Bevölkerung nahm Abschied von einer langen Ära und winkte ihrem Obersteuermann Johann Geier sicherlich zu.

Zu Beginn des 2. Weltkrieges wurden die Luftschiffe abgewrackt und die Metalle für den Flugzeugbau verwendet. Johann Geier wurde mit Kriegsbeginn zur Luftwaffe einberufen, um Flugzeugmotoren zu reparieren. Im Jahre 1945 schied er aus der der Zeppelinreederei aus.

Weil nun sein Traum, bei der Reichsbahn Lokführer zu werden "wegen Überalterung" zerplatzte, legte er mit noch 46 Jahren die Meisterprüfung als Bau- und Kunstschlosser ab. Wiederum in verantwortungsvollen Positionen arbeitete er in Frankfurt in verschiedenen Metall- und Maschinenbaufirmen. Am 1. Dezember 1972 starb der Zaubacher Johann Geier in Frankfurt am Main.

Johann Geier hat eine bedeutsame Zeit der Luftfahrtgeschichte miterlebt und mitgestaltet. Sein Traum, die Weite zu spüren, die Ferne und die Welt zu entdecken, ging in Erfüllung. Dieser Pioniergeist verdient, in Achtung vor seiner Leistung, in Erinnerung zu bleiben.