Wie brisant das Thema "Cybermobbing" wirklich ist, das weiß niemand so gut wie die Jugendlichen selbst. Vielleicht auch deshalb, weil sie selbst schon einmal zu den direkt Betroffenen gehörten oder im Internet mitbekommen haben, wie jemand "fertig gemacht" wurde. Was lag also näher als Schülerinnen und Schüler zu Experten zu machen für einen Film, der sich genau dieser brisanten Thematik annimmt?

Der Impuls dazu kam von Alfons Hrubesch. Kaum dass der pensionierte Polizeihauptkommissar seinen Aufklärungsfilm "Seelennarben" für den Weißen Ring fertiggestellt hatte, da drängte es ihn schon, sich der Opfer von Internetattacken anzunehmen. Dafür hat er viele Mitstreiter gefunden. Zu den Unterstützern des Projekts gehören Schulleiter und Lehrer ebenso wie Geistliche, Richter und Vertreter der Polizei.

Auf eines ist Alfons Hrubesch allerdings besonders angewiesen, auf freiwillige Helfer und Sponsoren, die durch ihre finanzielle Unterstützung helfen, das aufwändige Filmprojekt (die Gesamtkosten belaufen sich ähnlich wie beim Film "Seelennarben" auf geschätzte 25 000 Euro) zu realisieren.

Rund 30 Schüler der Gymnasien in Kronach und Kulmbach, vom Meranier-Gymnasium in Lichtenfels und von der Realschule in Burgkunstadt waren mit sechs Lehrkräften bereit, sich zu engagieren. Zum Auftakt trafen sie sich an einem freien Wochenende im Waldhotel Schelhorn in Wilmersreuth, um gemeinsam die Story für das Drehbuch zu finden, das von der Drehbuchautorin Vera Ortmann geschrieben werden soll.

Es gibt keine Stoffvorgabe. Die Handlung des Films wird komplett in die Hände der Schülerinnen und Schüler gelegt.
Aufgeteilt in fünf Gruppen, in denen die Vertreter der teilnehmenden Schulen bunt gemischt wurden, konnten die 14- bis 16-Jährigen zunächst von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Aus diesen persönlichen Erfahrungen entstand dann ein fiktiver Fall. In einer zweiten Arbeitsphase wurde festgelegt, dass jeweils eine andere Gruppe eine mögliche Lösung zu diesem Fall finden soll. Am Ende waren sich alle einig: "Eigentlich müsste man nicht einen Film drehen, sondern fünf Filme, so gut waren alle Ideen". Die Quintessenz fürs Leitungsteam bestand darin, alle fünf Beiträge zu einem Film zusammenzuführen, um die Komplexität der Fälle von Cybermobbing aufzuzeigen.
Heraus kam ein Drehbuch, dessen Inhalt die Autorin Vera Ortmann wie folgt umreißt: Es geht zentral um zwei Mädchen. Eines davon ist erst kürzlich in die Gegend gezogen. Die Mädchen in der Klasse nehmen sie begeistert auf, schließlich wohnt die Neue auf einem Pferdehof. Doch die freundet sich mit einem Jungen an, an dem ein anderes Mädchen aus der Klasse interessiert ist.

Verschärft wird der Konflikt durch eine weitere Schülerin, die ebenfalls gegen die Neue zu intrigieren beginnt, und durch einen Jungen aus der Klasse, der an einer der beiden Freundinnen interessiert ist. Um den beiden Intrigantinnen zu imponieren hilft der Junge ihnen, die Neue "in die Pfanne zu hauen".
Die Drei streuen das Gerücht, die Neue hätte was mit einem Lehrer. Das ergibt sich aus einer Situation, in der sich der Lehrer zufällig intensiver um das Mädchen kümmert. Man macht ein Bild und das Foto kommt ins Internet. Das Bild zieht Kreise, und dies ist für den Lehrer sogar fast noch schlimmer als für das Mädchen, weil bei ihm auch der Beruf auf dem Spiel steht.

"Damit wollen wir zeigen, dass durch das Medium Internet eine Lawine losgetreten werden kann, die viele mit sich reißt", fasst Vera Ortmann die Botschaft des Films zusammen.
"Wir möchten gerne eine Lösung aufzeigen", fügt sie hinzu. "Was allerdings mit dem Lehrer passiert, wollen wir offen lassen als Diskussionsgrundlage. Fest steht nur: der Lehrer ist plötzlich nicht mehr an der Schule".
Doch es ging bei dem zweitägigen Treffen nicht nur um die Handlung. In einem intensiven Casting wurden die Hauptdarsteller festgelegt, wobei alle Schülerinnen und Schüler als "Klasse" im Film mitwirken werden. Das Coaching übernimmt mit Frank Ziegler ein Profischauspieler, die Regie liegt in den Händen von Anja und Sigurd Dauer-Sunby, und die Kameraführung übernimmt der Lichtenfelser Thomas Meyer.

Am Ende der zweitägigen Vorbereitung zogen alle Beteiligten ein überaus positives Fazit. "Was mich fasziniert hat war, dass die Gruppen keinerlei Berührungsängste zeigten, alle haben von Anfang an super zusammengearbeitet. Es war wirklich vorbildlich, was die Schüler da geleistet haben", lautete das Fazit des Lehrers Matthias Schneider vom Frankenwald-Gymnasium Kronach.

Dominik Richter, Schüler an der gleichen Schule, wurde durch einen Vortrag an der Universität Bamberg über Cybermobbing motiviert, sich tiefer mit der Problematik zu befassen: "Man hat hier viele nette Leute kennengelernt. Alles zusammen hat einen Riesenerfolg gebracht. Wir haben jetzt ein gutes Gesamtpaket, auf dem wir weiter aufbauen können."

Franziska Lauretta von der Realschule Burgkunstadt kennt Alfons Hrubesch von den Verkehrskadetten her; sie unterstützt ihn gern in seiner Arbeit: "Es war 'ne gute Erfahrung hier, die ich nicht missen möchte. Es war interessant, all die Leute kennenzulernen und auch mal darüber zu sprechen, wie andere das sehen, mit dem Cybermobbing." Auch wenn sie persönlich noch nicht betroffen war, weiß sie, "man kriegt natürlich viel mit. Das geht an niemandem vorbei, schätze ich".