Ein Gespräch zwischen den Chefs der beiden Gymnasien über ihre Schulen und Schulpolitik allgemein hat am Mittwoch auf Einladung der BR stattgefunden:

Bitte, Herr Fischer, vervollständigen Sie doch einmal folgenden Satz: Wenn zwei Gymnasien in einer Stadt angesiedelt sind, ergibt sich automatisch..."
Hans-Werner Fischer: ...eine völlig normale Konkurrenzsituation, die beiden nützt. Für die Bildungslandschaft in Kulmbach kann man es sich nicht idealer vorstellen. Wir überschneiden uns im Angebot kaum und können gemeinsam fast alle Ausbildungszweige anbieten.

Sehen Sie das auch so, Herr Gagel?
Klaus Gagel: Auf jeden Fall. Das Wort Konkurrenz vermeide ich. Es ist vielmehr ein gesundes Nebeneinander, denn wir ergänzen uns hervorragend.

Wenn Sie eine Bilanz Ihrer Amtszeit ziehen: Was hat sich an Ihrer Schule Wichtiges getan?
Gagel: Im baulichen Bereich ist auf jeden Fall die Röhl-Villa das herausragende Ereignis. Sowas gibt's in Bayern nicht nochmal. Die Schule hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt, auch was die Schülerzahlen angeht. Damit war auch ein Wachstum unseres Angebots verbunden.
Fischer: Beide Schulen können mit der Entwicklung, die sie in den letzten zehn Jahren gemacht haben, zufrieden sein. Unser größtes Problem damals war der Raumbedarf. Wir haben 2004 ein Gesamtkonzept gemacht, wie alles sich entwickeln könnte.
Es hat sich tatsächlich so entwickelt, und die Beschlüsse für die letzten Bauphasen sind gefasst.

Wie ist das Verhältnis zum Landkreis als Sachaufwandsträger?
Gagel: Sehr gut, da können wir uns nicht beklagen.
Fischer: Es war immer ein verständnisvolles, freundschaftliches Zusammenarbeiten. Dass wir als Schulleiter in unseren Wünschen und Idealvorstellungen manchmal gebremst werden müssen, ist nachvollziehbar.

Was war für Sie persönlich wichtig in ihrer Zeit als Schulleiter?
Fischer: Die Gesamtatmosphäre an unserer Schule. Nur in einer guten Atmosphäre funktioniert erfolgreiches, leistungsstarkes Arbeiten. Schüler und Lehrer müssen sich wohlfühlen.
Gagel: Zwei Begriffe sind für mich in der täglichen Arbeit wichtig: Fairness und Team. Ein Schulleiter kann nicht allein agieren, er braucht die gute Zusammenarbeit mit Mitarbeitern, Lehrern, Eltern und Schülern. Fairness im Umgang miteinander ist da sehr wichtig.

Das Bild des Lehrers hat sich verändert, oft meint man, die gesellschaftliche Anerkennung fehlt. Was halten Sie jemandem entgegen, der den Spruch bringt: "Lehrer müsste man sein: Vormittags recht und nachmittags frei haben?"
Fischer: Mit Vorurteilen kann ich mich nicht vernünftig auseinander setzen. Tatsache ist sicher, dass Lehrer sich früher nicht so viel Gedanken über den einzelnen Schüler gemacht haben, wie das heute der Fall ist. Da gab's den Lehrer und die Klasse - fertig. Heute gibt es echte individuelle Förderung.
Gagel: In der Öffentlichkeit ist das Anspruchsdenken gegenüber dem Lehrer gewachsen. Er soll die Defizite der Familie und der Gesellschaft ausgleichen, und darüber hinaus einen sehr guten Unterricht halten. Das gilt als selbstverständlich. Man kann das sicher nicht verallgemeinern, aber viele können nicht abschätzen, welche Arbeitsleistung hinter den vielen Aufgaben des Lehrers steckt.

Die Kollegstufe alter Prägung wurde durch das G8 abgelöst. Welche Auswirkungen hat das auf die Bildungsqualität?
Gagel: Ein relativ großer Teil unserer Abiturienten verlässt die Schule mit einer Eins vor dem Komma. Das ist erstmal ein Erfolg. Aber oft wissen die Schüler nach dem Abitur noch nicht, was sie machen sollen, schieben deshalb ein Orientierungsjahr ein. Die Idee, dass Schüler durch das G 8 schneller zum Studium kommen, greift dann nicht mehr. Klar ist auch: Das Niveau, das man früher in den Leistungskursen der Kollegstufe erreicht hat, ist im heutigen Oberstufensystem nicht zu erreichen.
Fischer: Die Qualität im G 8 auf dem Niveau des G 9 zu halten, ist nicht machbar, schon allein weil der Reifeschritt von der zwölften zur 13. Klasse fehlt. Ich will keine Rückkehr zum G 9, aber ich sehe schon, was wir verloren haben.

Das Schulsystem ist durchlässiger geworden, die Übertrittsquoten höher. Andererseits werden Schüler auch überfordert, und es entstehen wenig erfreuliche Schulkarrieren, wenn sie das Gymnasium doch nicht schaffen. Wäre ein Ausweg, die Schüler länger gemeinsam zu unterrichten ?
Fischer: Diese Durchlässigkeit des Systems ist doch etwas ganz Hervorragendes. Aber dass Schüler und Eltern schon in der vierten Klasse entscheiden müssen, wohin der Weg geht - das sollte kritisch überprüft werden. Was ich nicht verstehe, ist, dass viele, die gymnasial geeignet sind, den Weg über die Realschule gehen. Da müssen wir deutlich machen, dass wir etwas zu bieten haben, was die Realschule nicht zu bieten hat.
Gagel: Ich bin ein Befürworter davon, schon nach der vierten Klasse eine erste Weichenstellung vorzunehmen. Die Kinder sind da in einem Alter, wo man mit einer gewissen Sicherheit abschätzen kann, zu welchen Leistungen sie fähig sind. Ich seh's wie im Sport: Je früher ich Leute fördern kann, desto mehr kann ich erreichen. Wenn sie noch zwei Jahre in einem Pool mitschwimmen, besteht die Gefahr, dass die Ausbildung von Fähigkeiten gebremst wird.
Fischer: Hier unterscheiden wir uns zum ersten Mal wirklich, denn ich hätte gerne einen weicheren Übergang. Wir hatten früher die Orientierungsstufe...
Gagel: Die haben wir immer noch, die funktioniert aber doch nicht.
Fischer: Weil die Kinder, die sich dem Gymnasium nicht gewachsen fühlen, an einen anderen Schultyp gehen. Umgekehrt bildet man an den Realschulen lieber Begabtenklassen, da kommt dann aber höchstens mal einer ans Gymnasium. Man sollte den Druck der Entscheidung von Eltern, von Lehrern der vierten Klasse wegnehmen, indem man eine Übergangsphase schafft, die die Klassen 4, 5 und 6 umfasst, um entsprechende Leistungsgruppen zu haben und am Ende zu wissen, wer in welchem Schultyp am besten aufgehoben ist.

Die Schüler heute sind selbstbewusster und kritischer als früher. Ist der Umgang mit ihnen schwieriger oder leichter geworden?
Fischer: Die Schüler sind offen, und das gefällt mir. Offen seine Meinung sagt in erster Linie derjenige, der ein gewisses Selbstbewusstsein hat.
Gagel: Was man ganz deutlich spürt ist, dass die Schüler heute in einem ganz anderen Umfeld aufwachsen, insbesondere wenn man an die modernen Medien denkt. Wir haben früher nicht so kommuniziert - und das hat natürlich Auswirkungen, positive wie negative. Wir wissen alle um Fälle von Mobbing, andererseits sind die Schüler gut miteinander vernetzt, sogar mit den Lehrern.
Fischer: Sie sind nicht schlechter und nicht besser geworden - sie sind anders geworden.

Andererseits klagen die Universitäten über mangelnde Allgemeinbildung, ja mangelnde Hochschulreife der Abiturienten. Versagt da das Gymnasium?
Fischer: Die Schulen arbeiten genauso engagiert wie früher.
Gagel: Sogar engagierter, wenn ich an meine eigenen Lehrer denke.
Fischer: Von uns wird verlangt, dass wir den Schüler dort abholten wo er steht. Das muss ich von der Universität auch verlangen. Die kann nicht nur klagen, sie muss auf Veränderungen reagieren.
Abschlussfrage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Schule?
Fischer: Ich glaube, dass die Entwicklung positiv war. Und ich hoffe, dass mein Nachfolger die gleiche gute Atmosphäre in der Verwaltung, mit den Schülern, Eltern und den Kollegen haben wird, die ich hatte.
Gagel: Ich wünsche mir, dass das gute soziale Klima bestehen bleibt, das ich erlebt habe. Für das Gymnasium als Schulform bräuchten wir endlich Ruhe - und nicht jedes Jahr irgendeine Neuerung.
Fischer: Nach dem Wahlkampf wird's wieder vernünftiger.
Gagel: Ihr Wort in Gottes Ohr, Herr Fischer.

Das Gespräch führten Dagmar Besand und Alexander Müller.