Wie stellt man eigentlich selbst eine Feuchtigkeitscreme her? Woraus kann man Schnürsenkel machen? Wie näht man Kleidung ohne Nähmaschine? Und wie hält man eine Hose oben, wenn man keinen Gürtel hat? Die Menschen im Mittelalter haben sich über all das kaum Gedanken machen müssen, sie haben es gewusst.

Am Wochenende sind an die 20 mittelalterbegeisterten Menschen aus ganz Deutschland auf Burg Zwernitz gekommen, um bei einer Burgbelebung einen Einblick ins Leben der Menschen vor über 500 Jahren zu geben.
Die Akteure grenzen sich deutlich ab von Mittelaltermärkten und historischen Festen. "Wir haben uns alle intensiv mit dem Thema befasst, wir lesen viel, probieren aus, wenn jemand eine neue Quelle entdeckt, dann versuchen wir, dem Original noch ein bisschen näher zu kommen", so Michael Ratmann aus Sulzbach, der die Gruppe Sanguis et Aurum koordiniert.

Die Gruppe hat gemeinsam mit der Schlösser- und Seenverwaltung den lebendigen Ausflug in die Geschichte organisiert. Michael Ratmann ist gemeinsam mit seiner Frau Tanja und Sohn Aidan nach Zwernitz gekommen. "Für uns ist das Entspannung", so die junge Mutter, "mal der Hektik entfliehen, ein ganz anderes Leben leben - ohne E-Mails und Termindruck." Natürlich hätten die Menschen im Mittelalter auch ihre Sorgen gehabt, sagt sie, oft hätten sie Hunger gelitten. Man hatte aber einen entscheidenden Vorteil: Die Menschen seien auf das konzentriert, was sie taten: "Essen kochen nimmt zum Beispiel unglaublich viel Zeit in Anspruch. Das geht nicht mal so schnell-schnell wie heute", so Tanja Ratmann.

Was macht der Nadler?

Neben den Mittelalterfreunden aus Sulzbach sind auch Bekannte aus ganz Deutschland gekommen. Aus Regensburg, aber auch aus Frankfurt am Main oder aus Dresden. Zum Beispiel der "Nadler". Rene Leuteritz stellt, genau wie die "echten" Nadler vor vielen hundert Jahren wie der Name schon sagt, Nadeln her. Nadeln, um Halstücher zusammen zu halten, Haarnadeln, Stopfnadeln ... "Das Grundmaterial Messing ist an sich recht weich. Ich tortiere, also drehe, das Metall dann in sich. Dadurch wird es härter."

Daraus werden dann die Nadeln geklopft, geschliffen, gehämmert und gebohrt. Fünf Stunden braucht Rene für jede einzelne Nadel. "Damals waren sie bestimmt schneller", sagt er. Was es aber für eine immense Arbeit war, kann man sich vorstellen.

Die Kinder sind ab sieben Jahren in die Lehre gegangen. Mit der oftmals romantischen Vorstellung vom Mittelalter hat das wenig gemein. Es war halt eine andere Zeit mit ihren Licht- und Schattenseiten.

Direkt neben dem Nadler sitzt Senkelmacherin Yvonne, ebenfalls aus Dresden. "Mit ein bisschen Übung ist die Handarbeit gar nicht mehr so schwer. Was allerdings etwas mühsam ist, ist das Anziehen am Morgen. Die Kopftücher zu binden fordert oft viel Zeit." Bis zu sechs Meter sind manche der Tücher. Dem Schönheitsideal der damaligen Zeit entsprechend haben sich viele der Frauen ihre Kopfbedeckung so geschlungen, dass der Hinterkopf übergroß aussieht. Geschmäcker ändern sich eben.

Das ganze Wochenende über bleiben die geschichtsbegeisterten Hobby-Darsteller auf der Burg Zwernitz. "Wir sind kein Markt und wollen auch nicht damit verwechselt werden", so Michael Ratmann. "Man kann hier nichts kaufen, uns geht es darum, das wahre Mittelalter möglichst authentisch darzustellen". Sozusagen ein Museum zum Anfassen. Ehefrau Tanja Ratmann ist zum Beispiel begeistert vom Nähen. Mittlerweile ist sie mit der Hand schneller als mit der Nähmaschine.

Die Besucher strömen reichlich und lernen jede Menge über alles rund ums Mittelalter. So auch über die alltäglichen Wehwehchen der Menschen und ihre mittelalterlichen Medikamente. Gerade rührt Apothekerin Tanja Brunner aus Amberg eine Paste an, die bei kleineren Verletzung beziehungsweise bei rissiger und trockener Haut hilft: Aus Wollfett, Bienenwachs, Ringelblumen und Wasser. "Das zieht wunderbar ein, ganz angenehm auf der Haut", ist Renate aus Kulmbach, die ebenfalls auf der Burg vorbeischaut.