Der 23 Jahre alte Ardit ist einer der wenigen Asylsuchenden in der Neuenmarkter Gemeinschaftsunterkunft, der Deutsch spricht. In seiner Heimat Kosovo hat er die Sprache gelernt, weil er eine Bekannte aus Albanien hat, die in München lebt. Dass er einmal nach Deutschland kommen würde, damit hat er nicht gerechnet.

Hier sucht der junge Mann, der allein seine Heimat verlassen hat, nun den Neuanfang, ein neues Leben. Ob er hier bleiben kann ("Es gefällt mir gut"), das weiß er ebenso wenig wie die anderen Bewohner, für die er ein wenig dolmetscht. "Ich spreche noch ein bisschen serbisch und türkisch", erklärt er.


Jeder kann kommen
Seine Dolmetscher-Fähigkeiten sind hin und wieder auch in der Kleiderkammer gefragt, die seit Anfang Juli in der ehemaligen Küche in Haus Ruth eingerichtet ist. Dort kann jeder - nicht nur Asylsuchende - günstig einkaufen. 50 Cent kostet ein Kleidungsstück oder ein Haushaltsgegenstand.

Die Neuenmarkterin Melanie Schwabbauer engagiert sich schon lange sozial in Neuenmarkt - auch in der Kleiderkammer. Die Idee dafür wurde in einem mehrköpfigen Helferteam geboren, erzählt sie. Dabei hatten die sozial engagierten Ehrenamtlichen nicht nur die Asylbewerber im Blick, sondern alle Bedürftigen in Neuenmarkt. "Jeder kann hier einkaufen", betont sie. Die Kleiderkammer ist immer mittwochs von 17 bis 18 Uhr geöffnet. Warenannahme ist jeden ersten Dienstag im Monat ebenfalls von 17 bis 18 Uhr. Ansprechpartnerin ist Manuela Pfeifer.


Symbolischer Preis: 50 Cent
Der symbolische Preis von 50 Cent werde verlangt, damit die Sachen eine gewisse Wertschätzung erfahren und damit niemand das Gefühl haben soll, er bekomme alles in den Schoß gelegt.

Die Helfer sind nach wie vor auf Spenden angewiesen: Vor allem Haushalts-Zubehör wie Töpfe und Pfannen sind gefragt und Kinderkleidung. Inzwischen wird sogar nach einem Namen für die Kleiderkammer gesucht: Ein Vorschlag, der Melanie Schwabbauer gefällt ist "Kaufhaus Ruth".

Ein großes Anliegen haben die ehrenamtlichen Helfer noch: Sie wünschen sich einen Treffpunkt. "Das Wohnhaus Schulstraße 9 steht leer. Dort wären die passenden Räumlichkeiten, in denen man sich auch um die Kinder kümmern kann", sagt schwabbauer. Denn der Platz ist knapp, seit im ursprünglich geplanten Gemeinschaftsraum Notbetten für 20 weitere Flüchtlinge aufgestellt wurden.

Geplant ist übrigens noch ein Willkommensfest im August.

Pfarrer Ulrich Böhm freut sich über die große Unterstützung, die den Menschen zuteil wird. Es habe aber schon vor der Einrichtung der Gemeinschaftsunterkunft in Neuenmarkt Asylsuchende gegeben, um die sich die Neuenmarkter Bürger gekümmert haben.

Mit dem "großen Schwung" an Asylbewerbern sei die evangelische Kirche als Organisator aktiv geworden, um die verschiedenen Aktionen zu koordinieren. Denn es hätten sich erfreulicherweise zahlreiche Gläubige - evangelische, katholische, freikirchliche - zusammengefunden, um zu helfen.

Es würden Fahrräder gesammelt, es gibt Unterstützung bei der Suche nach Kindergarten- und Schulplätzen, Deutsch-Kursen. "Jeder bringt sich auf seine Weise ein, macht etwas anderes. Der Start war toll", stellt Pfarrer Böhm fest. "Aber wir stellen uns darauf ein, dass auf Dauer manches schwierig wird."

Die Stimmung unter den Asylbewerbern ist aufgrund der freundlichen Aufnahme gut, sagt Böhm. "Die Leute freuen sich, dass sie willkommen geheißen wurden und ihnen geholfen wird." Viele hätten Public-Viewing-Veranstaltungen besucht und auch Gottesdienste.


Das sagt die Polizei
In Neuenmarkt läuft die Integration reibungslos - auch aus Sicht der Polizei. Bislang hatten die Beamten der Polizeiinspektion Stadtsteinach noch keinerlei Einsätze in Zusammenhang mit dem Asylbewerberheim.


Interview mit dem Pressesprecher der Hensoltshöhe

Wie geht es weiter mit dem Gelände Haus Ruth? Welche Pläne hat das Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe? Pressesprecher Timotheus Hübner gibt Auskunft.

Die Aufnahme der Asylsuchenden in Neuenmarkt ist ja sehr freundlich. Ist das aus ihrer Erfahrung die Regel oder eher die Ausnahme?

Timotheus Hübner: Die Arbeit mit Asylbewerbern ist für die Hensoltshöhe neu, für uns ist das das erste Projekt dieser Art. Wir beobachten alles ganz genau, weil die Möglichkeit besteht, dass das ein Arbeitsfeld für uns sein könnte. Es ist faszinierend zu sehen, dass es den Leuten Spaß macht, Kontakte zu knüpfen.

Wie viele Menschen leben derzeit im Feierabendhaus?
Das kann ich nicht genau sagen, das Haus ist voll.

Es sind Notbetten aufgestellt worden, das Haus wird offensichtlich noch weiter ausgelastet.
Das habe ich bei einem Besuch auch gesehen, das war mir neu. Die Belegung geht von der Regierung aus. Aufgrund der vielen Asylbewerber wird wohl nun auch der Gemeinschaftsraum mit genutzt. Der ist eigentlich als Treffpunkt vorgesehen. Das war so nicht geplant, das will ich noch klären. Human ist das jedenfalls nicht.

Wie sind die weiteren Pläne der Diakonie für das Gelände, speziell das Haus Ruth?
Dort ist der Hort untergebracht. Sollte der einmal ausziehen, werden wir sehen. Aktuell ist nichts geplant.

Ein Wunsch der Helfer wäre es, das Gebäude Schulstraße 9 nutzen zu dürfen.
Es gibt Überlegungen, das Haus zu einem symbolischen Preis zu vermieten, damit dort mit den Asylbewerbern gearbeitet werden kann. Dazu braucht es jedoch einen Träger. Privatpersonen können das Gebäude nicht mieten.