Die Erwartungen an ihn sind groß. Und sie werden erfüllt. Ein ausverkauftes Haus mit 750 Besuchern, draußen stehen noch Menschen, wollen unbedingt hinein in die Dr.-Stammberger-Halle, um Pater Anselm Grün zu hören. Der Charismatiker bewegt immer noch die Massen.

Er kann in den Bann ziehen, hebt nie belehrend den Finger, seine Stimme bleibt sanft. Die Leute hängen an seinen Lippen, es herrscht ungeteilte Aufmerksamkeit, gelegentlich von einem Räuspern unterbrochen oder einem ganz leisen Lächeln, das Zustimmung signalisiert. Der Mann mit dem schlohweißen Haar beleuchtet das Thema "Ich bin müde.Neue Lust am Leben erfahren" in all seinen Facetten.


Ein Gebet als Höhepunkt

Und der Höhepunkt: Ein Ritual zum Schluss der erbauenden Stunde. Alle stehen auf, kreuzen die Hände über der Brust, lauschen fast atemlos dem 1600 Jahre alten Kirchengebet über das verletzliche, ausgestoßene, ausgegrenzte Kind, das die Liebe Gottes besitzt.

Drei Frauen aus Burgkunstadt, Redwitz und Kulmbach stehen nach Ende der Veranstaltung zusammen und sind noch ganz gefangen: "Wir können viele neue Gedanken mit nach Hause nehmen, die erst verarbeitet werden müssen. Bei uns hängen geblieben sind vor allem Bilder in formenreicher Sprache und die Gleichnisse."

Pater Anselm Grün, Verfasser unzähliger Bücher, geht der Müdigkeit auf den Grund. Sie komme nicht nur aus der Arbeit, "sondern davon, dass ich aus trüben und nicht klaren Quellen schöpfe". Er zitiert Bibelstellen aus dem Alten und Neuen Testament, bemüht Hermann Hesse und den Lyriker Peter Handke, damit Licht ins Dunkel der Müdigkeit kommt. Webt seine persönlichen Erfahrungen mit ein und die aus vielen Begegnungen.

Fassade und vorgetäuschte Coolness verbrauchen viel Energie und lassen die Menschen ermüden, meint er. In der Ehe gebe es die entzweiende Müdigkeit, die zur Verbitterung führe, es gelte Abschied zu nehmen von Illusionen und aufzuwachen, aufeinander zuzugehen. Die christliche Antwort auf Veränderung sei Verwandlung, der Trauerkelch wird zum Trostkelch. Müdigkeit gebe es auch als Krankheit, die Schlaflosigkeit habe immer auch mit innerer Haltung zu tun. "Die Tür des Tages muss geschlossen werden, damit die Tür der Nacht geöffnet werden kann", sagt Pater Anselm Grün.

Viele seien durch Kummer und Vergeblichkeit müde geworden, dieser Zustand diene aber auch als Ort geistiger Erfahrung. Der Pater bezeichnet die Muse als positive Form der Müdigkeit und bekennt: "Ich lege mich am Tag gelegentlich aufs Bett und genieße ihre Schwere."

Ein Fragesteller beschäftigt sich mit dem Begriff "Lebensmüde" nach dicht aufeinander folgenden Schicksalsschlägen, Anselm Grüns Antwort: "Trauer hat ein Ziel, das Zerbrechen kann auch ein Aufbrechen mit Zukunft sein, nutzen Sie das."

Sich nicht erpressen lassen

Wie man mit zu viel Arbeitsdruck umgeht, will eine Zuhörerin wissen. "Rebellieren, nicht erpressen lassen, sich nicht ohnmächtig fühlen und darüber reden", sei ein Mittel, so der prominente Referent.
"Ich wünsche Ihnen, dass sie gut mit der Müdigkeit umgehen", sagt der Pater zum Schluss zu seinen Zuhörern. Und zeigt sich später beim Signieren und Autogramm-Geben selbst noch fit. Sein ansteckendes, gütiges Lächeln verliert er nie. Seine Bücher sind gefragt, etliche Neue werden nach dem Auftritt in Kulmbach den Schrank daheim im Wohnzimmer zieren.