Im Januar 1989 ist Robert Thern "rübergemacht". Nicht über die damalige innerdeutsche Grenze, sondern über den "großen Teich". Vom Standort der US-Army nahe New York City wurde er als Fachoffizier im Nachrichtendienst ans Ende der Welt versetzt, wie er das damals empfand. An den Rand des Ostblocks - vor den Eisernen Vorhang mit Todesstreifen und Grenzzaun.

Zwei Wochen vor seiner Ankunft in Hof waren Schüsse an der Grenze bei Blankenstein gefallen. Vier Personen hatten versucht, durch die eiskalte Saale in den Westen zu gelangen. Nur einer schaffte es.

Gewehre waren scharf geladen

Die Grenze. Thern erinnert sich noch den ersten Anblick: Mödlareuth - "Little Berlin". Er schaute mit dem Fernglas auf den Wachturm hinter der Grenze, und er sah dort jemanden, der ihn mit dem Fernglas ebenfalls beobachtete.

"Das war damals aber kein Spiel. Die Gewehre waren auf beiden Seiten scharf geladen. Nein, man darf keine Sehnsucht haben nach guten alten Zeiten vor der Wende", sagt der heute 65-Jährige.

Nach der Grenzöffnung ist er "am Ende der Welt" geblieben, hat auf seine Abfindung von der US-Army verzichtet, einen zivilen Beruf ergriffen, 1990 ein kleines Häuschen in Elbersreuth bei Presseck gekauft und sich dort mit seiner Frau, einer gebürtigen Deutschen, und den drei Kindern niedergelassen.

Seit 2012 hat die ganze Familie die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Zeiten hätten sich in den vergangenen 30 Jahren gewaltig geändert, sagt er. Als er 1989 mit den Kindern Störche auf der Burg in Hohenberg an der Eger besichtigten, habe eine US-Kavalleriestreife - "junge Burschen mit Maschinengewehren in ihrem breiten Jeep" - versucht, ihn zu verhaften. US-Militärangehörige durften damals nicht näher als einen Kilometer an die Grenze heran.

Robert Thern war damals Grenzverbindungsoffizier der amerikanischen Streitkräfte. Er sollte alle deutschen Grenzbehörden zwischen Nordhalben und Seehof südlich des Grenzübergangs Schirnding regelmäßig besuchen und gute Beziehungen pflegen. Denn im Falle einer Invasion sollten diese der US-Army helfen, die "rote Flut vom Osten" einzudämmen.

"Beim Ami" geparkt

DDR-Bürger hätten damals mit Vorliebe an Freitagen nach Feierabend versucht, über den Zaun zu springen. Folglich habe die Bayerische Grenzpolizei an den Wochenende am liebsten "beim Ami" geparkt. Die, die es geschafft hätten, Menschen, die in der DDR nichts zu verlieren hatten oder auch mal frisch Geschiedene, seien immer sehr nervös und verunsichert gewesen, "weil sie nicht wussten, was jetzt mit ihnen passiert".

"Nur einmal kam einer, der behauptete, er sei oben auf einem Lkw einfach über die A9 geflüchtet. Der war gar nicht nervös und prahlte mit seiner Tat." Bei der Übergabe, so Thern, habe er die deutschen gewarnt. "Für mich roch es nach einer Agentenschleusung. Doch das war dann Sache der deutschen Behörden."

"Gott sei Dank ohne Gewalt"

Im Herbst 1989, gerade als er angefangen habe, "in diesem Grenzgeschäft" zurechtzukommen, habe sich die Situation gewaltig geändert, "aber Gott sei Dank ohne Gewalt". Den Auftakt der Wende beschreibt Robert Thern aus der ersten Wahrnehmung der US-Army so: "Die Sommerurlauber aus der DDR durften aus Ungarn in den Westen ausreisen. Züge brachten sie von den Botschaften in Prag und Warschau nicht einfach in den Westen, sondern gleich zu uns nach Hof. Ich fand das aufregend, das US-Militär schien diese Ereignisse aber gar nicht so richtig wahrzunehmen. Für sie waren das nur politische, keine militärischen Bewegungen."

Routine herrschte auch am 9. November an der deutsch-tschechischen Grenze. Thern: "Am Morgen machte ich mit Kollegen des Zollkommissariats Selb eine freundschaftliche Grenzbegehung. Bei einer gemütlichen Brotzeit habe ich gesagt, die Grenze werde nicht länger zu bleiben. Die Zollbeamten konnten sich das aber absolut nicht vorstellen." Doch bereits am Abend habe die "Aktuelle Kamera" der DDR anderes berichtete.

Überfall mit Trabis?

"Jeden Tag habe ich eine Zusammenfassung der DDR-Berichterstattung in englischer Sprache gefertigt und ans Hauptquartier in Nürnberg weitergeleitet", beschreibt Thern eine seiner Aufgaben. "An diesem Abend kündigte Schabowski Reisefreiheit für DDR-Bürger an. Ich hatte alles auf Band aufgenommen und hörte es mir wiederholt an. Es gab keinen Zweifel: Reisefreiheit für DDR-Bürger - ab jetzt."

Das Hauptquartier in Nürnberg habe ihm diese Meldung aber nicht geglaubt. Er habe dann bei der Grenzpolizei in Rudolphstein angerufen, "die jedoch noch keine Reaktion von ihren Vorgesetzten hatten". Gegen 2 Uhr habe dann das Telefon geklingelt: "Herr Thern, die Trabis stehen im Stau auf der Autobahnbrücke über die Saale."

Er habe dann sofort nach Nürnberg gemeldet, dass die Grenze tatsächlich offen sei. "Am nächsten Morgen kam der General aus Stuttgart per Hubschrauber in die Kaserne nach Hof und ich sollte Bericht erstatten. Ich erzählte ihm, was ich erlebt hatte. Er hatte an mich nur eine Frage: ,Ist es möglich, dass die Menschen in diesem Trabiheer keine einfachen DDR-Bürger sind, sondern die Vorhut eines Angriffs?‘ Diese Frage musste ich mir auf der Zunge zergehen lassen: Die DDR überfällt die BRD mit Trabis?"

Zusammen Bier gertrunken

In den nächsten Wochen habe man in der Dienststelle der US- Army eine Notunterkunft für gestrandete Familien eingerichtet. "Wir haben Bier getrunken und miteinander unsere Begeisterung und Verwunderung über die neue Weltordnung geteilt."