"Lesen ist eigentlich das Wichtigste." Lehrerin Inge Zeitler hat einen Stapel von Papieren vor sich, den sie auswertet. Am Vortag gab es in der Pressecker Grundschule einen Vorlesewettbewerb. Und jeder Schüler aller vier Klassen konnte auf seinem Wertungsbogen ankreuzen, welchen der Vorleser er am besten fand. Die Besten treten dann noch einmal an, und alle Schüler werden dann den Schulsieger der Lesewoche an ihrer Schule küren.

"Der Wettbewerb ist eine gute Motivation," sagt Inge Zeitler, "aber was Lesen betrifft, da sind auch die Eltern zu Hause gefragt." Zur gleichen Zeit organisiert Schulleiterin Annemarie Hebentanz-Weiß eine Vorleserunde, wie sie zu Hause passieren sollte. Drei Eltern sind für zwei Unterrichtsstunden zum Vorlesen in die Schule gekommen.


Neugierig rücken sie näher

Die erste und zweite Klasse holt sich aus dem Nebenraum runde Bodensitzkisten, und die Kinder drängeln sich damit um Cornelia von Lerchenfeld. Drei Bücher hat sie mitgebracht. "Märchen sind für Babies," mault ein Junge. Also keine Märchen, dann eben die Bildergeschichte über "Puliputs Abenteuer." Darin geht es um einen Vogel und was er so alles erlebt. Das scheint jetzt genau das Richtige zu sein, denn die Kinder machen es sich dabei gemütlich, liegen auf dem Bauch und rücken näher, damit sie auch die Bilder zu den kurzen Texten anschauen können. Das Buch geht anschließend um die Runde. Jeder schaut hinein, freut sich über die Zeichnungen oder liest sogar ein Stück selbst, bis sich das Nachbarskind das Buch ungeduldig krallt. "Null Bock" zum Lesen gibt es in der Gruppe offenbar nicht.

Für den Mitschüler, der sich beim Fußballspielen das Sprunggelenk verletzt hat, hat ein Schüler einen Stuhl in die Runde geschoben, schaut noch einmal, ob das mit dem Stuhl für den invaliden Klassenkameraden auch so passt.

Den beiden ersten Klassen liest inzwischen Gundi Wasner etwas über einen Maulwurf vor. Sie unterbricht die Geschichte alle paar Sätze, lässt sie die Kinder selbst weiterspinnen und erzählt, welche Plage sie in ihrem Garten mit Maulwurfshügeln hat. Dann geht sie im wirklichen Text weiter. Vorlesen kann auch zu einem Gespräch werden.


Klingeln bedeutet Wechsel

Die zweite Klasse lauscht zur gleichen Zeit dem Räuber Hotzenplotz. Schulzahnarzt Stefan Sigmund, heute einmal nur als Erzähler, führt den Kindern fast schon theatralisch vor, wie es dem Räuber im Gefängnis ergeht. Doch mit dem Klingeln der Schulglocke ist wieder Gruppenwechsel angesagt. Die Vierte wechselt nun von Kommissar Kugelblick zum Wachtmeister Alois Dimpfelmoser, der dem Räuber Hotzenplotz erfolgreich nachstellt, und lässt sich schlagartig in die Geschichte fallen - natürlich erst, nachdem der Stuhl für den verletzten Fußballer in der Runde zur Zufriedenheit hergerichtet ist.

Die älteren Schüler hören konzentriert zu. Manche fixieren einen Punkt an der Wand und stellen sich den Text wie einen Film vor. Ein anderer liegt am Boden ausgestreckt. Auf der gegenüberliegenden Seite macht jemand Yogaübungen gegen Rückenverspannungen. Aber jeder ist mit den Ohren und mit seinem geistigen Auge konzentriert bei der Geschichte - bis die Schulglocke die Pause verkündet.


Woche des Lesens

Eine ganze Woche ging es in der Grundschule Presseck ums Lesen. Im Kunstunterricht wurden Bilder angeschaut, auf denen Lesende zu sehen sind. Es gab einen Büchertisch, auf dem die Lehrer ihre Bücher ausgelegt hatten, die sie als Kinder am liebsten hatten. Im Handarbeitsunterricht wurde ein Igel aus alten Büchern gebastelt.

In der Vorstellungsrunde bei Cornelia von Lerchenfeld gaben sich die Schüler zu erkennen: wie sie heißen und woher sie kommen - einmal einfach so und einmal in klarem Deutsch für diejenigen, die "Aus Hannerschraad" nicht verstanden hatten: "Aus Heinersreuth."