Zwölf Briefe hat der kleine Oskar an den lieben Gott geschrieben. Zwölf Briefe über sein ganzes Leben. Genauer gesagt über das Leben, das er im Schnelldurchlauf erlebt hat. Denn Oskar ist in unserer Zeitrechnung nur zehn Jahre alt geworden. Er starb an Leukämie.

Doch was klingt wie ein trauriger Abschied, ist eine erfrischende, zauberhafte Geschichte darüber, wie relativ Zeit ist. Oskars Briefe sind die Basis für das wunderbare Stück, das derzeit auf der Bühne des Schlosstheaters Thurnau zu sehen ist. Es ist hinreißend, fesselnd, fröhlich und ernst zugleich.


Von Holland nach Hollfeld


"Oskar und die Dame in Rosa" zeigt die Sicht eines Kindes auf das Leben und hält den Erwachsenen den Spiegel vor. Angelique Verdel, eine Schauspielerin, die ursprünglich aus Holland stammt und die heute in Hollfeld lebt, verzaubert den Zuschauer in einmaliger Art.

Sie spielt in erster Linie Oma Rosa, die die zwölf Briefe Oskars an den lieben Gott nach seinem Tod findet. Und liest sie vor. Während sie liest taucht sie und damit auch das Publikum immer wieder in die Geschichte in den Briefen ein. Durch unterschiedliche Lichtverhältnisse kann der Zuschauer in diese quasi Traumwelt perfekt folgen.

Untermalt wird das Geschehen um Oskar von Musik aus dem Nussknacker, die die Stimmung einmalig schön wiedergibt. Bedrückend wird das Stück immer dann, wenn klar wird, wie überfordert Oskars Eltern mit der Situation sind, wenn Oskar schildert, wie die Hilflosigkeit der Erwachsenen ihn verletzt und wie er die Überforderung als Schuldzuweisung fehlinterpretiert.


Ein Tag ist wie zehn Jahre


Oskar sehnt sich danach, auch mal geschimpft zu werden, dass man ihm sagt, dass er leben darf, bevor er sterben muss. Diesen Traum erfüllt ihm Oma Rosa. Die Dame in rosa Mantel, die früher Profi-Catcherin war, erheitert Oskar nicht nur mit ihren Geschichten aus ihrer Kämpfer-Karriere, sondern sie ermutigt ihn, jeden Tag wie zehn Jahre zu leben. Oskar lässt sich darauf ein und schreibt obendrein noch jeden Tag an den lieben Gott.
So erlebt er die Höhen und Tiefen des Lebens, eine anstrengende Jugend, ein erfülltes Erwachsenenleben und einen zufriedenen Lebensabend. Das Publikum fiebert, lacht, weint und fühlt mit Oskar. Man ist ergriffen und dennoch gelöst.

Das Stück ist einmal mehr ein echtes Highlight und unbedingt sehenswert. Regisseur und Intendant Wolfgang Krebs hat ganze Arbeit geleistet - mit dem Gespür für die richtige Schauspielerin und mit der Inszenierung selbst. "Oskar und die Dame in Rosa" wird noch fünf Mal in Thurnau gespielt: am 10. und 24. April, jeweils um 17 Uhr, sowie am 29. und 30. April und 8. Mai um 20 Uhr.


Weitere Termine


Angélique Verdel wird im Thurnauer Schlosstheater in dieser Saison außerdem mit der kabarettistischen Komödie "Die Kellnerin Anni" (Premiere am 7. Mai) zu sehen sein. Wegen der großen Nachfrage werden außerdem die Abende um Joachim Ringelnatz und Erich Kästner neu aufgelegt. Und am 5. August findet die Premiere der diesjährigen Schlossfestspiele statt. Es wird "Der Vorname", eine französische Gesellschaftskomödie, gezeigt. Karten gibt es telefonisch unter 09203-9738680 oder per E-Mail an: info@schlosstheater-thurnau.de.