Das Hochwasser hat in Niederbayern ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Der materielle Schaden beläuft sich auf über eine Milliarde Euro. Um vieles größer ist aber das Leid, für das das "Inferno" (Ministerpräsident Horst Seehofer) gesorgt hat. Sieben Menschen sind ums Leben gekommen. Die Opfer wurden von den Wassermassen überrascht. Hätten sie gerettet werden können? Es wird in diesen Tagen viel darüber diskutiert, ob die Unwetterwarnung in Deutschland funktioniert, ob die Bürger, die gefährdet sind, nicht schneller und ausführlicher informiert werden müssten.


Lokal begrenzt

Dass man die Bevölkerung vor plötzlichen Sturzfluten wie in Niederbayern nicht vorab warnen kann, sagt Erwin Burger, der am Kulmbacher Landratsamt den Katastrophenschutz organisiert. Es seien lokal begrenzte Ereignisse. Lokal begrenzt war auch das Unwetter am Montag, als es zu Überschwemmungen in Neuenmarkt und Marktschorgast gekommen ist. In Schlömen hat starker Regen den Laubenbach über die Ufer treten lassen. Die Ortsdurchfahrt war überflutet, musste gesperrt werden. Eine Vorhersage, gar Warnung sei da nicht möglich gewesen. Die Meldungen des Deutschen Wetterdienstes, die am Landratsamt eingehen, würden nur Warnungen für den gesamten Landkreis ausgeben. Wo das Unwetter zuschlage, sei nicht herauszulesen. Ob es eintrifft, sei immer fraglich.


Lautsprecher und Klingeln

Informieren könne man die Bevölkerung meist erst, "wenn das Wasser da ist", so der Leiter des Sachgebiets für Sicherheit und Ordnung. In Kulmbach setze man dabei vor allem auf herkömmliche Warnsysteme. "Wir warnen beispielsweise über das Radio." Man könne die Bevölkerung auch mit Durchsagen über die auf den Feuerwehr-Einsatzwagen installierten Lautsprecher aufrütteln. Bei so manchem Notfall sei ein Hausbesuch angesagt. "Beim Fund der Handgranate in Rugendorf sind die Einsatzkräfte beispielsweise von Haus zu Haus gegangen und haben geklingelt."


Für einen Mix

Einen Mix der Warnsysteme wünscht sich Markus Ruckdeschel, der Leiter der Integrierten Leitstelle in Bayreuth. Die Oma erreiche man am besten über das Radio, die Jugend über Handy-Apps wie "Katwarn", ein Warnsystem für Katastrophenfälle, auf das auch die Stadt Bayreuth setzt. Wer die App auf sein Smartphone heruntergeladen hat, wird über Unwetterwarnungen informiert.


Nein zu "Katwarn"

Auf "Katwarn" hat der Landkreis Kulmbach nicht gesetzt. Wie Erwin Burger mitteilt, hätte die Einführung 18 000 Euro gekostet. Jahr für Jahr wären 3500 Euro hinzugekommen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis habe nicht für die Einführung gesprochen. "Über das handybasierte Warnsystem hätten wir nur eine kleine Zielgruppe erreicht."


Chance Digitalradio

Die Zukunft sieht Markus Ruckdeschel in der "Emergency Warning Functionality" (EWF) für digitales Radio. Damit könne die Bevölkerung in kürzester Zeit über Gefahren oder Katastrophen benachrichtigt werden. Wie es funktioniert? Nach Auslösen des Ernstfalls durch die Einsatzzentrale wird die Warnmeldung in das Rundfunknetz eingespeist. Ob zu Hause, im Auto oder unterwegs - Digitalradiogeräte schalten automatisch auf das Notfallprogramm um und informieren Anwohner über Gefahrensituationen. Geräte im Stand-by-Modus schalten direkt die Notfallmeldung ein. "Das ist die Zukunft", sagt Markus Ruckdeschel. Ein Pilotversuch in Speichersdorf sei erfolgreich verlaufen.


Zu viele Meldungen

Die Flut an Unwetterwarnungen, die es heute gebe, ist dem Leiter der Integrierten Leitstelle ein Dorn im Auge. Da es oft "Seifenblasen" seien, würde die Bevölkerung "desensibilisiert". "Weniger ist da aus meiner Sicht mehr", ist Markus Ruckdeschel überzeugt.