Sie kommen lautlos, mitten in der Nacht. Und am nächsten Morgen erleben die Anwohner eine böse Überraschung: Die Rede ist von Wildschweinen, die derzeit fast jede Nacht im Kessel ihr Unwesen treiben. In etwa 15-köpfigen Gruppen pflügen sie Gärten um, unterwühlen Bäume, machen aus gepflegten Wiesen Felder und verwüsten Pferdekoppeln. "Die kommen bis vor unser Haus. So dreist waren die Wildschweine in den letzten Jahren noch nie", klagt Ewald Schmidt.

"Natürlich verursachen sie einen Schaden, aber was will man machen. Man kann nur alles wieder einebnen", sagt Schmidt. Für den Landwirt ist die "nächtliche Arbeit" der Tiere ärgerlich. Bei den Wiesen hält sich der Schaden noch in Grenzen, doch im Raps und in Maisfeldern richten die Wildschweine richtig hohe Schäden an, die bis in den fünfstelligen Bereich oder darüber hinaus gehen können. "Die Schweine sind seit der Grenzöffnung bei uns. Die legen in einer Nacht bis zu 50 Kilometer zurück. Meine Schwiegertochter hat sie sogar im Wald gesehen", sagt Schmidt.

Auch Nachbarin Heidi Nützel bestätigt, dass die Tiere heuer mit besonderer Frechheit zu Werke gehen: "Wildschweine hat es schon immer gegeben. Aber heute Nacht haben sie meine letzte Pferdekoppel umgepflügt. Die gehen bis an die Häuser, so schlimm war es noch nie."


Sogar am helllichten Tag

Selbst am helllichten Tag zeigen die Wildschweine keine Scheu vor den Menschen und "arbeiten" die ganze Gegend um. "Irgendwie ist es auch fastzinierend. Ich wohne jetzt schon dreißig Jahre im Kessel, aber so nah waren die Schweine noch nie", sagt Heidi Nützel. Persönlich hat sie keine Angst, nur die Umpflügearbeiten der Tiere ärgern Heidi Nützel. Denn um alles wieder instand zu setzen, ist eine Menge Arbeit erforderlich.

Jäger Hans-Dieter Ernst kann das Thema Schwarzwild derzeit gar nicht mehr hören. Ständig machen die Schweine Ärger. "Letzte Woche hat nachmittags sogar die Polizei angerufen, weil Spaziergänger nachmittags eine Rotte mit zwölf bis 15 Schweinen gesehen haben", sagt Ernst. Egal, wie viel er jage, er werde derzeit nicht Herr der Plage. Die Populationen seien regelrecht explodiert, denn in den letzten Jahren seien die Winter mild gewesen. Die Schweine fänden optimale Ernährungsbedingungen in der Natur vor - auch durch den großflächigen Anbau von Raps und Mais. "In den Rapsfeldern bleiben die Sauen bis August in der Deckung, da hat man keine Chance, zu jagen", sagt Ernst, demzufolge die Wildschweine derzeit ihre gestreiften Frischlinge zur Welt bringen.


Frischlinge überleben alle

"Früher waren die Winter so hart, dass immer mal ein Frischling ausgefallen ist, das ist nicht mehr der Fall." Hinzu komme, dass durch die milde Witterung und den Klimawandel nahezu jedes Jahr mit einer Eichen- und Buchenmast zu rechnen sei.

Doch es gibt noch ein anderes Problem. Die Wildschweine leben in sehr strengen Familienverbänden. Angeführt werden sie von einer Leit-Bache. Ernst: "Wenn so eine Bache bei einer Jagd erschossen wird, kommt das ganze Familiengefüge aus dem Lot." Im Klartext: Die Überläufer (so nennt man die Schweine, die noch kein Jahr alt sind) werden schneller erwachsen, was bedeutet, dass der Nachwuchs schon wieder Nachwuchs bekommt. "Die Vemehrung verläuft exponentiell", sagt Ernst, der die Drückjagden als gut bezeichnet. "Aber nur mit Bejagung können wir die Wildschweinproblematik nicht in den Griff bekommen." Er habe selbst schon alles probiert. Er habe Handys im Wald positioniert, die mitten in der Nacht den Jäger alarmierten und verrieten, wo sich die Wildschweine aufhalten. Doch die Wildschweine sind schlau und - wie das Beispiel Kessel zeigt - an Menschen gewohnt.


Nachts auch Menschen unterwegs

Ein weiterer Faktor, der Ernst die Jagd erschwert: "Im Kessel ist der Seniorenweg. Die Kulmbacher erholen sich in dem beliebten Gebiet. Auch nachts gibt es hier noch einige Spaziergänger und Jogger."
Ein Jagdpächter ist für die Wildschäden haftbar. In einigen Revieren ist es so geregelt, dass grundsätzlich die Jagdgenossenschaft, also alle Grundstückseigentümer, haftet und der Jäger nur einen kleinen Anteil leistet. Mancherorts gibt es diese Deckelung aber nicht.


Reviere teils nicht verpachtbar

"Ja, es sind schon viele Reviere im Landkreis nicht mehr verpachtbar - genau aus diesem Grund", bestätigt Kreisjagdfachberater Clemens Ulbrich. "Jagd ist heute immer ein Draufzahlgeschäft", so Ulbrich, der selbst begeisterter Jäger ist. Wenn Jagden keinen Pächter mehr finden, dann muss die Genossenschaft die Reviere selbst bewirtschaften und gegebenenfalls einen Jäger engagieren. "Aber auch die Wildbretvermarktung, die Regulierung der Wildschäden und der Hochsitzbau müssen dann getätigt werden", sagt Ulbrich. Hinzu kommt, dass die Jagdgenossenschaft ohne Jäger keine Einnahmen mehr hat.
Auch Ulbrich bestätigt, dass die Wildschweine heuer sehr dreist sind. Doch er will nicht aufgeben. "Wir haben jetzt erst eine Drückjagd im Buchwald durchgeführt und 39 Sauen zur Strecke gebracht." Außerdem hofft er, dass der Schnee noch ein bisschen liegen bleibt. Denn dank der Spuren kann man die Tiere leichter jagen. "Bei den Abschusszahlen, die wir derzeit vorweisen können, werden wir schon eine Entlastung spüren", ist Ulbrich zuversichtlich.


"Zusammenhhalten"

"Auf jeden Fall müssen jetzt Jäger und Landwirte zusammenhalten. Nur so haben wir gegen das Schwarzwild eine Chance", so der Jagdfachberater.