Kann es sein, dass ein Praktikant wie bei Monopoly mit Millionenbeträgen jonglieren darf? Dass er Verträge unterschreibt, die ihn zur Zahlung schwindelerregender Summen verpflichten, ohne dass der Mann überhaupt ein Wort von den Vereinbarungen verstanden hat? In einer Kulmbacher Rechtsanwaltskanzlei ging so etwas offenbar. Dort wurde der Praktikant nach einem halben Jahr auch gleich zum Geschäftsführer befördert.

Doch der vermeintliche soziale Aufstieg brachte den gelernten Elektroinstallateur auf die kriminelle Bahn. Der Mann aus Mainleus - bei dem sich die Frage stellt, ob er wirklich so einfältig ist oder nur so tut - muss sich seit Montag zusammen mit seinem einstigen "Wohltäter" vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Hof verantworten.

In dem Verfahren spielt der gerissen wirkende Jurist aus Kulmbach, der seine Anwaltszulassung in der U-Haft zurückgegeben hat, die Rolle des Hauptangeklagten. Anlagebetrug in fünf besonders schweren Fällen und dreifacher versuchter Betrug wird dem Ex-Rechtsanwalt vorgeworfen. Bei dem Mainleuser (42) geht es um Beihilfe in drei Fällen.


Schwerstarbeit für Staatsanwälte

Bei Verlesung der Anklageschrift zum Prozessauftakt hat die Staatsanwaltschaft Schwerstarbeit zu verrichten. 30 Seiten, eng beschrieben - es dauert knapp eineinhalb Stunden, bis Oberstaatsanwalt Peter Glocker und sein Kollege Matthias Goers, die sich die Aufgabe teilen, fertig sind. Demnach soll der angeklagte Jurist (45) gutgläubigen Anlegern, die in Solarparks in Rumänien und Italien investieren wollten, insgesamt mehr als eine Million Euro aus der Tasche gezogen haben.

Dabei ging der Ex-Anwalt immer mit derselben Masche vor: Er gaukelte den Investoren beste Geschäftsbeziehungen zu Großbanken vor. Dann sicherte er ihnen zu, dass die Projekte - der Gesamtkapitalbedarf belief sich teilweise auf mehr als 100 Millionen Euro - zu 95 Prozent finanziert werden könnten, wenn vorher fünf Prozent angezahlt würden.


Betrügerisches Schneeballsystem

Fünfmal hatte der Kulmbacher Erfolg mit seinem Geschäftsmodell. Er nahm von acht Geschädigten über eine Million Euro ein, die er nicht vertragsgemäß verwendete, sondern auf eigene Konten verschob und für sich verwendete. In einem Schneeballsystem wollte er offenbar mit dem zweiten den ersten Betrug verdecken - und so fort.

Zu dem Zweck hatte der Ex-Anwalt Mitte 2013 seinen Praktikanten überredet, eine Invest GmbH zu gründen. Dabei fungierte der Mainleuser als Geschäftsführer der Gesellschaft. Ihm war anscheinend nicht klar, worauf er sich eingelassen hatte. Er leitete - als einziger mit Kontovollmacht ausgestattet - die Gelder, die von den Anlegern bei der Invest GmbH eingingen, auf dessen Anweisung an den Anwalt weiter.

Doch die windigen Geschäfte flogen schon nach vier Monaten auf: Im November wurden beide verhaftet, die Kanzlei und die Privatwohnungen durchsucht. Der Rechtsanwalt saß bis Herbst 2014 in Untersuchungshaft. Dann musste er gegen Auflagen freigelassen werden, weil das Gericht wegen Arbeitsüberlastung in der vorgeschriebenen Frist keinen Termin für die Hauptverhandlung bestimmen konnte.


"Zu ihm hochgeschaut"

Die Kammer befasste sich zunächst ausführlich mit der Rolle des Ex-Praktikanten. Er schildert, dass er nach mehrmaliger Arbeitslosigkeit und einer Pleite als Leiter eines Supermarkts beruflich nicht mehr auf die Beine gekommen sei. Seit Anfang 2013 habe er als Praktikant und Bürohelfer für den Rechtsanwalt gearbeitet. Die Gründung der Invest GmbH habe er als große Chance gesehen, über ein regelmäßiges Einkommen für sich und seine Familie zu verfügen. Vom Vorsitzenden Richter Matthias Burghardt dazu befragt, redet sich der Angeklagte darauf hinaus, dass er über die Geschäftstätigkeit der Invest GmbH nahezu nichts gewusst habe. Seine Aufgabe sei es lediglich gewesen, die Zahlungseingänge auf dem Konto zu überwachen, sagt der gelernte Elektroinstallateur. Er habe auf Anweisung des Rechtsanwalts gehandelt. "Ich habe zu ihm hochgeschaut und ihm vertraut, dass schon alles seine Richtigkeit haben wird", versichert der Mann.

Dass er als Geschäftsführer unter anderem für die Rückzahlung von 80.000 Euro an einen Investor haftet, will dem Ex-Praktikanten nicht klar gewesen sein. "Ich habe die Verträge unterschrieben, aber verstanden habe ich sie nicht." So viel Blauäugigkeit mag der Kammervorsitzende nicht glauben: "Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Eimer. Sie haben zwar eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung geführt, aber Sie sind nicht beschränkt."

Am Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt. Dann soll der Hauptangeklagte befragt werden. Er hat angekündigt, Angaben machen zu wollen.