Wie ein Drogenjunkie sieht dieser Mann weiß Gott nichts aus. Gepflegte Erscheinung, leger gekleidet, weißes Hemd und sportliche Kurzhaarfrisur - so sitzt der 30-jährige Angeklagte amMontag neben seinem Verteidiger. Aber das äußere Erscheinungsbild täuscht.

Der Mann gibt vor der Strafkammer des Landgerichts Bayreuth zu, seit 2013 regelmäßig Crystal konsumiert zu haben, zum Schluss täglich. Ärger mit seiner Freundin habe ihn dazu gebracht, das Angebot eines Freundes ("Ich habe was, da geht's Dir besser") anzunehmen. Ab und zu habe er auch Kleinmengen dieser teuflischen Droge verkauft.


Drei Drogenfahrten nach Eger

Doch was den Hauptvorwurf der Anklage angeht - das will der 30-Jährige aus dem Kreis Kulmbach nicht gewesen sein. Er wird beschuldigt, einen Bekannten angeheuert zu haben, Drogennachschub aus Tschechien zu besorgen. Es geht um drei Beschaffungsfahrten Ende 2014 nach Eger (Cheb) und um insgesamt 120 bis 130 Gramm Crystal. Eine gewaltige Menge, wenn man weiß, dass schon 0,1 Gramm ausreichen für eine tägliche Ration.

Der mutmaßliche Rauschgiftkurier, ein 23-jähriger Kulmbacher, ist bereits verurteilt worden: viereinhalb Jahre Gefängnis. Das bedeutet, dass auch für den 30-Jährigen viel auf dem Spiel steht. Denn der Anstifter zu einer Straftat wird genauso behandelt wie der Täter selbst.

Wenn ihm die Tat nachgewiesen werden kann, kommt der Angeklagte in Teufels Küche: Dann droht ihm ebenfalls eine hohe Haftstrafe. Zumal er bereits einmal erwischt worden ist, als er Mitte 2014 selbst das Rauschgift aus einer tschechischen Giftküche holt. Das Amtsgericht Weiden verdonnert ihn dafür zu einem Jahr Freiheitsstrafe mit Bewährung - und die Bewährungszeit von drei Jahren läuft noch.

"Das stimmt nicht", versichert der Angeklagte. Er kenne den 23-Jährigen, habe ab und zu von ihm kleine Mengen Crystal gekauft, dann aber den Kontakt abgebrochen, "weil die Qualität verdammt schlecht war".


Versteck in Pringles-Chips

Der Mann habe ihn falsch belastet, so der Angeklagte. Möglicherweise eine Retourkutsche, weil er bei der Polizei gegen ihn ausgesagt habe. Der Bekannte sei in Wirklichkeit auf eigene Rechnung nach Tschechien gefahren und habe daraus auch kein Geheimnis gemacht. Denn einmal sei dieser an der Grenze kontrolliert worden. Der Zoll habe das Auto durchsucht, aber die Großmenge von 80 Gramm Crystal nicht entdeckt. Er habe sich noch damit gebrüstet, "wie blöd die Bullen sind". Von drei Dosen Pringles-Chips seien zwei geöffnet worden - nicht aber die dritte, wo der Stoff versteckt war.

Der Angeklagte wirkt sehr nervös. Er entschuldigt sich "für den ganzen Mist" und betont, dass er von dem "Zeug" wegkommen und alles dafür tun wolle, seine Arbeitsstelle wieder zu bekommen. "Für ihn ist es ein Kampf, er schämt sich", sagt sein Verteidiger, Rechtsanwalt Marc von Harten aus Frankfurt.

Die Kammer hat Verständnis. Richter Yves Döll stellt fest: "Von Crystal loszukommen ist eine Höllenarbeit. Wenn's überhaupt gelingt." Das Gericht glaubt aber offenbar daran, dass es der Angeklagte schaffen kann. "Sie schauen kernig und gesund aus", so Döll.

Der erwähnte Drogenkurier, der derzeit eine Entziehungskur machen darf, wird in Fußfesseln vorgeführt. Er bleibt bei seiner Version und belastet den Angeklagten erneut: "Ohne ihn hätte ich das nicht gemacht."


"Total auf Drogen"

Vorsitzender Richter Michael Eckstein wundert sich allerdings, dass der Zeuge vom angeblichen Auftraggeber keinen Vorschuss bekommen habe. Schließlich habe er 2400 Euro vorstrecken müssen. "Jedes Detail weiß ich auch nicht mehr, ich war total auf Drogen", entgegnet der 23-Jährige.

Sehr glaubwürdig wirkt er nicht. Was das Gericht noch stutzig macht : dass er einen Auftrag bekommen haben will, dann aber das Geschäft komplett selbstständig abwickelt, bis zum Wiederverkauf in Kulmbach. Allein die 80 Gramm Crystal bringen ihm über 5000 Euro ein.


Schlag gegen die Szene

Die Polizeibeamten, die seinerzeit an der Aktion "Roadrunner" gegen die Drogenszene in Oberfranken beteiligt gewesen sind, stufen den Angeklagten als Kleinkonsumenten ein. Wenn er mit großen Mengen Crystal gehandelt hätte ("Das wäre wie ein Lauffeuer in Kulmbach rumgegangen"), wäre es der Polizei nicht verborgen geblieben. Dafür gibt es die Telefonüberwachung.

Die Kriminalpolizei hält dagegen den Belastungszeugen für einen Großhändler. Er habe wohl auf eigene Rechnung auf dem Asia-Markt in Eger eingekauft.


Therapie notwendig

Klaus-Peter Klante, Facharzt für forensische Medizin, plädiert für die Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt. Bei ihm liege eine Abhängigkeitserkrankung vor, eine Therapie sei notwendig. "Ich glaube ihm, dass er nichts mehr nimmt. Aber es besteht immer die Gefahr, dass man, wenn Probleme auftreten, wieder zur Droge greift", erklärt Klante.

Wie die Kammer entscheidet, wissen wir bald. Am Dienstag wird das Urteil verkündet.