"Armut darf nicht zur Normalität werden! Rente muss zum Leben reichen! Pflege muss menschenwürdig sein!" Mit Schlagworten wie diesen traf Bundes- und Landesvorsitzende Ulrike Mascher den Nerv der Zuhörer, in der bis auf den letzten Platz gefüllten Halle.

Die in zahlreichen Bussen aus ganz Oberfranken angereisten Mitglieder des Sozialverbandes, zeigten den Bundestagskandidaten von SPD, Bündnisgrünen, CSU und FDP immer wieder die gelbe Karte. Eine Geste, die symbolisierte: "So geht es nicht. Bis hierher aber nicht weiter!". Es herrschte eine aufgeladene, kämpferische Stimmung. Mit Tröten und Buhrufen machten die 750 Gäste aus Nah und Fern immer wieder ihrem Unmut über die unsoziale Politik der Bundesregierung Luft.

Für den VdK wächst die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr. Ein Verkehrsschild, das man auf keiner Straße findet, wurde zum omnipräsenten Symbol des Gedankens: Zwei Felsen mit einem Pfeil dazwischen, der in beide Richtungen zeigt, prangte auf großen Plakaten ebenso wie an vielen Revers. Auf unzähligen T-Shirts, Buttons und dem Rednerpult war das Schild zu sehen. Es warnte vor der Gefahr, dass die Schere zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft immer mehr auseinanderklafft, war zugleich aber auch Stoppschild, wie man an den Slogans der Plakate unschwer erkennen konnte: "Wir müssen soziale Spaltung stoppen - Armut jetzt bekämpfen!"

Aus gutem Grund. Darin waren sich Mascher, die auf die sozialen Unruhen in Brasilien verwies, und Landesgeschäftsführer Michael Pausder einig. So weit wie in Südamerika werde es hier nicht kommen, aber so Pausder in seiner kämpferischen Rede: "Die Kluft zwischen Arm und Reich muss wieder schmäler werden. Ansonsten gefährden wir die innere Sicherheit im Land, die wir nicht aufs Spiel setzen wollen."

Der VdK positionierte sich im Vorfeld der Bundes- und Landtagswahlen im September in der Kulmbacher Stadthalle selbstbewusst als Sprachrohr der kleinen Leute. "Der VdK ist kein schlafender Riese oder gar ein zahnloser Tiger. Er ist hellwach, schlagkräftig und kann sehr bissig werden. Der VdK ist mehr als ein Sozialverband: Mit 1,6 Millionen Mitgliedern bundesweit ist er die größte Bürgerbewegung für die kleinen Leute", warnte Pausder die Politik, die er zu mehr sozialer Gerechtigkeit aufforderte. Als blanken Hohn bezeichnete er die Erhöhung der Renten um 0,25 Prozent. "Wer die Rentner damit abspeist, tritt die Lebensleistung der alten Menschen mit Füßen."

Als eine VdK-Hochburg pries der Redner den Kreisverband Kulmbach mit seinen 32 Ortsverbänden. Laut Pausder sind hier über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung Mitglied im Sozialverband. Oberbürgermeister Henry Schramm und Landrat Klaus Peter Söllner zogen angesichts der großen Mitgliederzahl ihren Hut. "Unser Kreisverband ist der zweitgrößte in Bayern. Das ist ein hervorragendes Ergebnis", schwärmte Söllner.

Mascher plädierte in ihrer Grundsatzrede unter anderem für einen gesetzlichen Mindestlohn, für eine Gleichbehandlung bei der Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten von Müttern für Geburten vor und nach 1992 und für eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente.

Wie halten es die oberfränkischen Bundestagskandidaten mit der Sozialpolitik? Dominik Schott vom VdK-Fernsehen fühlte ihnen in einer kurzen Podiumsdiskussion auf den Zahn. Dabei wurde deutlich, dass die Sympathien der Zuhörer auf Seiten der Sozialdemokraten und der Grünen lagen, die vom Kulmbacher Simon Moritz (SPD) und der Bundestagsabgeordneten Elisabeth Scharfenberg aus Hof vertreten wurden.

Keinen leichten Stand hingegen hatten Dr. Ulrich Herbert aus Coburg (FDP) und die Lichtenfelserin Emmi Zeulner (CSU) Der liberale erntete für sein Kritik am umlagefinanzierten System der gesetzlichen Krankenkassen und der Präferenz für ein kapitalgedecktes System jede Menge Buh-Rufe. Ein Contra kam auch von Mascher, die zu bedenken gab: "Alle Lebensversicherungen, die bekanntlich kapitalgedeckt sind, haben ein Finanzierungsproblem." Zeulner versicherte Mascher, sich für eine Gleichbehandlung der Kindererziehungszeiten einzusetzen. Moritz und Scharfenberg plädierten für die Einführung einer Bürgerversicherung im Gesundheitswesen sowie einer Solidarrente, die im Alter für ein Mindestniveau von mindestens 850 Euro sorgen soll. Zudem machte sich Scharfenberg für eine Angleichung der Renten in Ost- und Westdeutschland stark.

Auch Volkes Stimme fand Gehör: Nach Ansicht von Josef Friedrich aus Marktleugast muss die Erhöhung der Renten an die Entwicklung bei den Realeinkommen gekoppelt werden. Für Klaus Krüger aus Oberkotzau ist die ungerechte Verteilung der Steuergelder der entscheidende Knackpunkt: "Es wird Geld für unsinnige Projekte wie die Entwicklung von Kampfdrohnen oder unnötige Kriegseinsätze im Ausland ausgegeben."

Die Politiker, die bei der Podiumsdiskussion allerhand Versprechungen gemacht hatten, bekamen auch zu hören, was ihnen blüht, wenn diese nach der Wahl nicht eingelöst werden. "Dann gehen wir auf die Straße", drohte Pausder unter dem tosenden Beifall der Zuhörer.