Der Ton ist barsch und beleidigend, geringschätzige Blicke statt eines freundlichen Willkommens. Die jungen Leute sind irritiert. Erst recht, als sie erleben, dass andere ganz anders, nämlich sehr zuvorkommend, begrüßt werden. Es ist ein Vorgeschmack dessen, was die Schüler in den kommenden Stunden erleben werden.

Die Klasse 10e des Caspar-Vischer-Gymnasiums macht zusammen mit ihren Lehrern Julia Sedlmeier und Daniel Späth ein Experiment, das die Wahrnehmung der Schüler grundlegend verändern wird. Sie erfahren bei einem von der Adalbert-Raps-Stiftung organisierten Workshop im Gemeindehaus der Kreuzkirche am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden - und dass man leichter als gedacht zum Täter oder Mitläufer werden kann. Die Situationen, die sie erleben, sind nur ein Spiel, doch sie fühlen sich erschreckend echt an.

Was passiert mit uns, wenn wir die Macht bekommen, uns über andere zu stellen und diese Position auszunutzen? Jürgen Schlicher und seine Kollegen der Firma Diversity Works zeigen das den Teilnehmern der "Blue eyed"-Workshops. Die Übung basiert auf der willkürlichen Aufteilung einer Gruppe von Menschen aufgrund ihrer Augenfarbe in Blauäugige und Braunäugige. Mit den Blauäugigen wird so umgegangen, wie es in unserer Gesellschaft häufig mit Nicht-Weißen, Migranten und Nicht-Christen passiert. Alle negativen Klischees, die wir kennen, werden auf sie angewendet. Sie werden als unterlegen eingestuft und wie Unterlegene behandelt.

Das beginnt schon an der Eingangstür: Die Blauäugigen bekommen einen grünen Kragen umgelegt, mit dem sie für jedermann sichtbar ausgegrenzt werden. Sie müssen ihre Taschen abgeben, werden für eineinhalb Stunden in einem kahlen Raum isoliert, zwischendurch von schwarz gekleideten Mitarbeitern willkürlich gedemütigt. Die Schüler machen gute Miene zum bösen Spiel, doch ein Gefühl der Beklemmung ist da. Unsicherheit: Was passiert als nächstes mit uns?

Sie erfahren es bald - werden zu einem Test gerufen, bei dem Wissen geprüft wird, das sie nicht haben können. Vor den Augen der privilegierten Braunäugigen, die in der Zwischenzeit allen erdenklichen Komfort genossen haben, werden die "Versager" verhöhnt. Schlicher hat versucht, die andere Gruppe im Vorfeld einer "Gehirnwäsche" zu unterziehen, um sie von der Minderwertigkeit der Blauäugigen zu überzeugen, sie zu weiterer Diskriminierung anzustacheln.

Doch der Trainer erlebt eine Überraschung: Widerstand seitens der Braunäugigen! Einige junge Frauen aus den Reihen der Privilegierten wollen sein Spiel nicht mitspielen und fangen statt dessen an, den "Grünkragen" zu helfen, trotz angedrohter Strafe.

Diese Entwicklung nimmt in der späteren Reflexion des Erlebten breiten Raum ein. Jürgen Schlicher diskutiert freundschaftlich und auf Augenhöhe mit allen Teilnehmern gemeinsam: Was haben sie gefühlt? Wie haben sie die jeweils anderen gesehen? Warum haben die einen aufbegehrt, andere geschwiegen? "In 415 Workshops habe ich nur vier Mal erlebt, dass Leute aus der Gruppe der Braunäugigen ihre Privilegien genutzt haben, um die Situation der Blauäugigen zu verbessern."

Diese Courage freut den Coach ebenso wie die Argumente der Schüler: Das erlebte Unrecht ging nicht nur den Gedemütigten unter die Haut, sondern auch den Zuschauern. Alle gemeinsam wollen künftig auch außerhalb der Schule noch genauer hinschauen und gegen Diskriminierung aktiv werden.