Männer, unangenehme Kerle! Immer diese Kampfrituale zur Selbstbestätigung. Wie besoffene Hobbit-Krieger hauen sie mit ihren Schwertern aufeinander. Maulhelden! Wenn' s drauf an kommt, sind sie Weicheier, kapitulieren vor der eigenen Courage. Unflätig sind sie auch noch: bieseln, und das zum Techno-Sound. Mit Recht haben die Frauen auf ihrer Burgmauer ein Verbotsschild angebraucht: ein mickriges Strichmännchen, rot durchgestrichen.


In Trutzburg verschanzt


Eineinhalb Stunden lang wird gezeigt, was Frauen-Power ist. Die Mannsbilder werden vorgeführt und ausgeknockt. Rainer Streng, der auch Regie führt, hat die vor 1600 Jahren entstandene Komödie gestrafft und in eine leichte, moderne Sprache umgesetzt. Aristophanes' Anzüglichkeiten fehlen nicht, doch derb Zotiges wird vermieden.

Die fünf Krieger steckt Streng in schwarzweiße Fantasy-Klamotten. Die zehn Frauen dürfen in kessen Flatter-Gewändern mit leuchtenden Farben schwelgen, vom Purpurrot Lysistratas, über Türkis, Lila, Orange zum schreienden Gelb (Kostüme: Wolfram Müller-Broeder). Sie entsprechen den Regenbogenfarben der "Peace"-Fahne, die sie über den Zinnen der von ihnen besetzten Akropolis gehisst haben - auf der Naturbühne eine putzige Ritterburg im Playmobil-Stil (Bühnenbild: André Putzmann).


Strategie: hammerhart


Numerisch mögen die Frauen nur doppelt so stark wie die Männer sein, gefühlt sind sie es hundertfach. Zum Gutteil liegt das an der Titelfigur - eine Traumrolle für Christine Kammerer. Ihr Kleid, fetzig hochgeschlitzt. Sie ist so klug wie raffiniert. Die Frauen rufen nach ihr, um den schon über Jahre dauernden Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta zu beenden.

Doch ihre Strategie ist hammerhart: Sexboykott, bis endlich Frieden einkehrt. Als das große Gezeter einsetzt, kitzelt sie das feminine Selbstbewusstseins wach. Attraktivität und Verführungskunst sollen ausgespielt werden, damit die Männer aus der Hand fressen.


Rütli-Schwur und Zicken-Marsch


Die Athenerinnen, die Lysistrata um sich schart - die Frauen Spartas schließen sich der Boykott-Aktion an (als Gesandte: Silke Ködel, Henrike Reineke) - sind ein köstlich aufgemischtes Team, das immer mehr Spiellaune versprüht. Perfekt einstudiert sind die Choreografien. Sie umschlingen sich als Weiberrat, treten zum Rütli-Schwur zusammen oder marschieren im Zicken-Marsch hinauf zur Burg. Ein Höhepunkt der Aufführung ist ihr Fight gegen die Männern im Stroboskop-Gewitter, in Zeitlupe zerdehnt: Mit Bratpfannen, Besen und Teppichklopfern plätten sie die Krieger in Klitschko-Manier (Julia Krolak Annika Ködel und Melanie Eheim).

Die weibliche Lust zu bändigen, bereitet Lysistrata allerdings mehr Probleme. Manche versuchen, sich zu den Männern zu stehlen. Lysistrata stellt sie gnadenlos. Eine kommt mit der Ausrede, sie wollte sich daheim nur mal kurz "ausbreiten". Eine andere behauptet, "ihr Flachs müsse noch gehechelt werden". Lysistrata schnippisch: ."Was flachst du da herum? Dir kann´s mit dem Hecheln wohl nicht schnell genug gehen". Eine dritte, mit dickem Bauch, macht ihr weis, sie müsse zuhause entbinden. Doch cool Lysistrata holt unter ihrem Kleid einen runden Helm hervor.


Glanzlichter der Erotik


Zur rechten Kampfmoral zurückgeholt, setzen die Frauen Glanzlichter der Erotik. Das Highlight ist die Frust-Nummer von Kinesias (Daniel Ganzleben: furios): Das Liebeslager ist bereitet. Da braucht seine Frau Myrrhine (Sabrina Schmitt mit Glanzleistung) noch ein Kissen, dann noch eine Decke, am Ende noch ihr Parfüm. Mit Hohn und Spott verfolgen die Frauen hinter den Zinnen die Zappeleien des armen Opfers.

Höchst amüsant sind auch die Auftritte von Ekklesia (Georgia Lauterbach) und Xanthia (Hilde Volksmann). Zwei im sanft fortgeschrittenen Alter, die in Sex-Appeal locker die Jüngeren toppen. Als Nachfahren des antiken Chors treten sie aus dem Spiel heraus und wenden sich ans Publikum. Das erfährt auch ihr Geheimnis: am liebsten wären sie Streikbrecher, um mal wieder männliche Kraft zu spüren.


Der dressierte Mann


Die sexuelle Erpressung der Männer zeigt Wirkung. Am Ende stehen sie schwer gestauchtem Mittelstück vor ihren Frauen. Zähneknirschend sind sie bereit, die Waffen nieder zu legen. Der Ratsherr Chremes (Gerd Kammerer: staatsmännisch souverän), nicht anders als der kernige Georgias (Jochen Böhm) und die jungen Hitzköpfe Kleon (Florian Heise) und Demos (Paul Konrad), als Neuzugänge ein großer Gewinn für die Bühne.


Epilog


Rainer Streng möchte nicht bei Aristophanes enden. Er hat einen Epilog geschrieben. Die Schauspielerinnen wenden sich ans Publikum und verkünden ihre Hoffnungen auf Frieden in der heutiger Zeit, wo auch Frauen Kriegseinsätze befehligen - die mächtigste Frau der Welt und ihre Verteidigungsministerin inklusive.