Günther Hahn sitzt am Steuer seines VW. Er hält den Führerschein hoch, den er "zurückerobert" hat. Drei Jahrzehnte ist er unfallfrei gefahren, dann hat er ihn abgeben müssen. Am 4. Juli. Warum? Weil er unter Diabetes mellitus leidet.


Fahrtauglichkeit angezweifelt

Das Landratsamt hatte vor acht Jahren von Hahns Zuckerkrankheit erfahren. Den Lkw-Führerschein musste er damals abgeben - Auto durfte er weiter fahren. Jetzt hat die Führerscheinstelle, die der Thurnauer regelmäßig über seine Blutwerte informieren muss, seine Fahrtauglichkeit angezweifelt und ihn aufgefordert, ein ärztliches Gutachten vorzulegen.

Ein Arzt des Tüv hat ihm daraufhin tatsächlich die Fahrtauglichkeit abgesprochen. Ein zweites Gutachten, das Monate später ein Internist erstellt hat, kam zu einem anderen Ergebnis: "Aufgrund unseres Gutachtens kann der Proband die Kraftfahrzeuge der Fahrerlaubnis-Gruppen 1 und 2 führen", schreibt Facharzt Heinrich Behrens.
Es ist ein Gutachten, das laut Behrens nur "eine Momentaufnahme des gesundheitlichen Bildes" sein kann, das Günther Hahn aber aufatmen lässt. Kurz vor Weihnachten hat er seinen Führerschein wieder erhalten, ohne den man, das hat er zu spüren bekommen, auf dem flachen Land aufgeschmissen ist. Mit der fehlenden Mobilität ist oft der Arbeitsplatz in Gefahr. Wie beim Thurnauer, der als Fenstermonteur Tausende Kilometer fährt, um auf Baustellen zu kommen. Ob ihn sein Chef ohne Schein weiter beschäftigt hätte? Hahn hat da gehörige Zweifel.


Es trifft viele

Wie Hahn geht es vielen. Jährlich wird bundesweit rund 1500 Personen die Fahrerlaubnis wegen "körperlicher oder geistiger Mängel" entzogen. Wegen unzähliger Krankheiten wie etwa Schlaganfall, Demenz, Depression, Gleichgewichtsstörungen oder mangelnden Sehvermögens. Wieder an den Führerschein zu kommen, ist dann kein Leichtes.

Das hat Günther Hahn erfahren, der nicht versteht, warum man ihm untersagt hat, sich ans Steuer zu setzen. Sein Blutzuckerspiegel sei durch die Insulin-Einnahme konstant in einem akzeptablen Bereich, eine Gefahr der Unterzuckerung bestehe nicht. Ist die Stoffwechsellage nicht stabil, sind oft ein Kontrollverlust, Verhaltensstörungen oder Bewusstseinsbeeinträchtigungen die Folge. Diabetes-Patienten müssen den Führerschein in der Regel abgegeben, wenn es innerhalb eines Jahres zwei Mal zu einer schweren Unterzuckerung kommt und sie fremde Hilfe benötigen. "Ich habe aber keinen Unterzucker", stellt Günther Hahn fest.


Bis zum Verwaltungsgerichtshof

Das erste Gutachten des Tüv zweifelt er wie sein Rechtsanwalt Peter Reinel an, auch weil es nicht von einem Internisten oder Diabetologen erstellt worden sei. Beim Tüv sei die Fahreignung überprüft worden, aber kein medizinisches Gutachten erstellt worden, sagt Hahn, der Klage gegen den Freistaat wegen der Entziehung der Fahrerlaubnis erhoben hat. Nachdem das Bayreuther Verwaltungsgericht diese abgewiesen hatte, hat sich der Bayerische Verwaltungsgerichtshof mit dem Fall befasst. Die Münchner Richter haben kein Urteil gefällt, aber ein internistisches Folgegutachten angeregt. Das hat Hahn vom Internisten Heinrich Behrens anfertigen lassen, der ihm die Fahrtüchtigkeit attestiert hat.

"Das ist ins Geld gegangen. Das erste Gutachten hat 560 Euro gekostet, das zweite 743 Euro", klagt der Thurnauer, der wie sein Rechtsanwalt die Führerscheinstelle kritisiert. Peter Reinel nennt deren Vorgehen "rechtlich bedenklich". Er spricht von einer fehlerhaften Ermessensentscheidung, weil in den Beurteilungsrichtlinien kein expliziter Diabeteswert genannt werde, ab dem die Fahrtauglichkeit angezweifelt werden sollte.


Das sagt das Landratsamt

Zu einer ganz anderen Einschätzung kommt das Landratsamt. Jurist Lars Peetz betont, dass die Führerscheinstelle keinen Ermessensspielraum habe. Nach dem ersten Gutachten sei der Entzug des Scheins notwendig gewesen, nach dem neuerlichen Gutachten habe man diesen folgerichtig ausgehändigt.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen will sich der Leiter des Sachgebiets Verkehrswesen, Manfred Amschler, zum konkreten Fall nicht äußern. Gut eingestellte und geschulte Menschen mit Diabetes könnten Fahrzeuge führen, sagt Amschler.

Er macht deutlich, dass ein Gutachten angefordert wird, "wenn die Stoffwechsellage eines Diabetes-Patienten nicht stabil ist". Welches Gutachten vorgelegt werden muss, lege die Führerscheinstelle fest. Die Sachverständigenstelle oder den Gutachter könne sich der Betroffene dann selbst aussuchen. Auch der Tüv sei anerkannt, so Amschler. Dass es in zeitlich versetzt erstellten Gutachten zu einer unterschiedlichen Bewertung kommt, sei nicht ungewöhnlich: "Nach drei Monaten können sich die Werte ja wieder stabilisiert haben."


Stabile Werte

Dass seine Werte stets stabil waren, erklärt Günther Hahn. Über seine Erkrankung hatte er die Behörde 2008 informiert, als er den Medizincheck für seinen Lastwagen-Führerschein absolviert hatte. "Hätte ich damals nichts von Diabetes gesagt, wüsste von meiner Krankheit keiner. Dann wäre ich jetzt nie aufgefordert worden, ein ärztliches Gutachten vorzulegen", vermutet er.

Der Thurnauer ist davon überzeugt ist, dass Hunderttausende Auto fahren, die an Diabetes, Demenz oder auch Gleichgewichtsstörungen leiden, die aber nicht aktenkundig sind und daher nicht kontrolliert werden. Was Manfred Amschler nicht bestreitet. "Es sind sicher viele auf den Straßen unterwegs, die das eigentlich nicht sollten."