Ganz ohne "Wetten, dass ...?" geht's dann doch nicht. Erst die Eurovisionsfanfare, dann kommt Thomas Gottschalk. Applaus brandet auf. "Guten Abend, ich bin's nur", sagt der berühmte Kulmbacher und freut sich über den Beifall in der ausverkauften Stadthalle. "Ich weiß, hier kommt's von Herzen."

Locker setzt sich "Thommy" an den Tisch neben der berühmten Couch ("Wetten, dass ...?") . Leselampe und Wasserglas stehen bereit. Er rückt die blaue Brille, passend zum Blazer, zurecht und schlägt seine Biographie auf. "Das ist neu für mich - mit einem Buch unterm Arm, das ich mir abgeschwitzt habe." Soll heißen: richtig selbst geschrieben.

"Herbstblond" wird der heitere Abend aber nicht, eher jugendlich gelockt. Der 64-Jährige, der nächsten Montag ins Renten alter eintritt, hat für Kulmbach Kapitel ausgesucht, die in seiner Heimatstadt spielen. Wenn er den ein oder anderen Schwank aus seiner Jugendzeit erzählt, bricht der Franke immer wieder durch. Die 750 Zuhörer verstehen seinen Dialekt - es ist ja auch der ihre. "Do drüm hob ich ongfangt, Sutte 11", sagt er und deutet aus der Stadthalle hinaus. Dort wohnt die Familie Gottschalk, bis man das Haus am Galgenberg baut.

Die kleine Schwester macht mit
Bei der heiteren Plauder stunde, die sich als professionelle Bühnenschow entpuppt mit drei Saalkameras, Großbildleinwand, Musik und zehn Technikern, darf auch die zehn Jahre jüngere Schwester Raphaela mitwirken. Sie liest das Kapitel, das sich mit Kulmbachs Mädchen beschäftigt. "Es zog mich nicht zu den höheren Töchtern hin", so die zentrale Botschaft, was im Rechtsanwaltshaushalt offenbar nicht so gern gesehen wurde. Wobei Raphaela Ackermann gleich mal schimpfen muss. Weil Thomas auf der Couch halblaut mitliest: "Kontrollierst Du mich wie früher?"

Dann folgt die Geschichte von "Thommys" erster Liebe. Er schwärmt für Brigitte. Sie wohnt in Höferänger und ist "Frisöse". Der Romeo ist von "Brigittlas" Vater schwer beeindruckt. Er ist Maurer und trinkt sein Bier aus der Flasche: "Kulmbach war noch die Stadt des Bieres, und der Fachmann trank Reichel bräu." Der Vater spielt auch Schifferklavier - und solange er in der Küche spielt, besteht keine Gefahr, dass er in "Brigittlas" Zimmer kommt. Doch: "Es hat nicht lange gehalten, und ich wandte mich der Fleischfachverkäuferin Mona zu."

Recherche in Höferänger
Gottschalk überlegt laut, was aus seinem "Brigittla" geworden sein könnte. Er hat die Jugendliebe aus den Augen verloren. Vielleicht sitzt sie sogar im Saal? Nein, sie kann ihren einstigen Verehrer nicht hören. Brigitte Wölfel lebt nicht mehr. Das sagt man uns tags darauf in Höferänger. Aber man kennt sie noch. Sie habe lange in Berlin gelebt, sei dort verheiratet gewesen, aber schon vor drei oder vier Jahren gestorben.

Gottschalks Fans wissen, was er meint, wenn er vom ersten Kuss auf dem Bänkla beim Güterbahnhof erzählt; vom Rendezvous am Rehberg-Pavillon, das mangels Ortskenntnis der Angebeteten ausfällt; oder von seinem Schulweg, wo ihm massenhaft "tolle Weiber" begegnen. Klar, die Mädchen laufen vom Bahnhof zum Lyzeum (heute Caspar-Vischer-Gymnasium) oder zur damaligen Realschule im alten Krankenhaus - und er entgegengesetzt stadteinwärts. Der Schulweg hat ihm so gefallen, dass er zwei Jahre länger am Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium geblieben ist.

Der Meister singt auch selbst
Zwischen Text und Pointen lockert Livemusik - wie früher bei "Wetten, dass ...?" - das Programm auf. "Igudesman & Joo" sind virtuose Musiker und Musikclowns, die auch mal mit Mozart ihre Späße treiben. Schließlich singt der Meister selbst. Bei der "Telefonbuch polka" von Georg Kreisler böhmakelt "Thommy" wie ein tschechischer Hausmeister in Wien.

Kulmbachs Ehrenbürger hat nichts verlernt. Kamera und Mikrophon sind sein Lebens elixier. Auf der Bühne ist er zu Hause. Wie früher bei "Wetten, dass ...?". Im Grunde haben nur die Wetten gefehlt. Etwas ungewohnt, dass der Sunnyboy vom Älterwerden ("Scheiße, dass man es sieht") und vom Tod spricht. Vielleicht ein Ehrengrab in Südlage auf dem Kulmbacher Friedhof? Aber, so weit ist es noch lange nicht. Sein Motto: "Bloß nicht hängenlassen, es geht ums Überleben."