Es klingelt drei Mal, dann klingt's rockig aus dem Hörer. Eine flotte Warteschleifen-Musik hat der Hals-Nasen-Ohren-Arzt, unterbrochen von einer netten weiblichen Telefonstimme. "Gemeinschaftspraxis Dr. X und Dr. Y, was kann ich für Sie tun?" Es geht um einen Termin für Magdalena Henkel (Kassenpatientin) und Sebastian Pielmeier (privat versichert).
Diese beiden Personen gibt es gar nicht wirklich, es sind Fantasienamen. Dahinter stecken wir: die BR-Mitarbeiter Silvia Vießmann und Jochen Nützel. Die Fachärzte aber, die wir in Kulmbach angerufen haben: Die gibt es tatsächlich. Wir schilderten kurz unsere "Leiden" und gaben uns als potenzielle Neu-Patienten aus. Bei fünf verschiedenen Doktoren/Fachrichtungen machten wir den Test, um herauszufinden: Wird der Privatversicherte tatsächlich, wie häufig beklagt, bevorzugt behandelt und bekommt schneller einen Untersuchungstermin? Die Bilanz zeigt: Eine wirkliche Diskrepanz gab es nur in einem Fall.

Test 1: HNO-Arzt

Privat: Der Anruf als getürkter Patient Sebastian Pielmeier in der HNO-Praxis ist schnell erledigt. Nach knapper Schilderung einer angeblichen leichten Durchblutungsstörung im Innenohr (mit Momenten der Taubheit) und dem Wunsch, die Ursache abklären zu lassen, bekomme ich als Aussage: Am Dienstag, 24. September, könne ich um 10 Uhr vorstellig werden. Übrigens: Nach der Art meiner Versicherung werde ich gar nicht gefragt - ich solle aber meine Versichertenkarte mitbringen. Die Sprechstundenhilfe notiert noch den Namen und meine Telefonnummer zwecks Rückrufs. Das war's und hat nicht mal eine Minute gedauert.
Kasse: Auch bei Magdalena Henkel (sie nennt die gleichen Symptome) interessiert die Art der Versicherung erst einmal nicht. Schnell und unkompliziert geht es, ich soll am nächsten Freitagvormittag kommen, also drei Tage später.

Test 2: Hautarzt
Privat: Diesmal schicke ich explizit voraus, dass ich Privatpatient bin und mir gerne zwei Muttermale ansehen lassen würde, weil ich eine gewisse Veränderung festgestellt habe. Die Sprechstundenhilfe nennt mir einen Termin in drei Tagen - angeblich hat da vor Kurzem erst jemand abgesagt. Sie fragt nicht nach meinen weiteren Daten.
Kasse:
Gleiche Voraussetzung: Ich würde mir gern einen Leberfleck untersuchen lassen. Das ist kein Problem, schon am nächsten Freitag um 12.50 Uhr soll ich vorstellig werden. Versicherung? Interessiert die freundliche Dame am Telefon nicht.


Test 3: Augenarzt

Privat: Diesmal berichte ich der Praxishelferin am Telefon, auf meinem linken Auge würden sich Schlieren abzeichnen und wie ein trüber Fleck über die Pupille wandern - und dadurch vor allem das Lesen erschweren. Ich frage, ob das akut sei und bitte um einen möglichst zügigen Termin. Zu hören bekomme ich: Wenn ich "etwas Wartezeit" mitbringe, kann ich schon am folgenden Tag im Anschluss an die Sprechstundenzeiten vorbeischauen, wahlweise gegen Mittag oder am frühen Abend. Auch hier wird nicht nach der Art der Versicherung gefragt.
Kasse:
Ich gebe an, Probleme beim Sehen in der Dunkelheit zu haben, was unter anderem beim Autofahren behindert. Zuerst sei gesagt: Ich wurde nicht nach meiner Versicherung gefragt. Im Gegensatz zu meinem "Kollegen" Privatpatient kann ich aber erst im Dezember einen Termin bekommen. Auf Nachfrage, ob man mich nicht irgendwie dazwischenschieben könne, bekomme ich ein "leider nein" zu hören. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass meine Beschwerden womöglich weniger akut klangen - oder ich später anrief als der Kollege.


Test 4: Orthopäde

Privat/Kasse: Zwei Anrufe wegen Rückenschmerzen, eine klare Auskunft: Wir beide können in einer Woche kommen, oder - wenn uns das nicht zu bald (!) ist - in drei Tagen, dann aber bereits früh um halb Acht. Nach der Art der Versicherung werden wir nicht gefragt.


Test 5: Gynäkologe

Dass man beim Gynäkologen spontan eher keinen Termin bekommt, dürfte den meisten Frauen bekannt sein. So auch in unserem Test. Diesmal hat natürlich nur Magdalena Henkel angefragt. Eine Routine-Untersuchung soll es sein. Dafür müsste ich allerdings bis November warten. Ob ich Kassen- oder Privatpatient bin, ist dabei allerdings egal. Hier müssen sich alle etwas länger gedulden.


Fazit

Fünf Stichproben, vier Mal de facto kein Unterschied zwischen Privatpatient und Kasse. Lediglich beim Facharzt für Augenheilkunde ergibt sich eine gewisse Diskrepanz. Aber das lag, so wurde uns später auf Nachfrage mitgeteilt, an der Schilderung des gesundheitlichen Problems: "Wer Schmerzen hat oder eine gravierende Geschichte, für den finden wir natürlich schneller Zeit und machen eine Untersuchung möglich", hieß es.
Wenn das Terminproblem keines ist - braucht es dann eine gesetzliche Lösung? Mit dem Vorstoß der Bundesregierung zum Versorgungsstärkunsgesetz für Kassenpatienten (siehe Infobox) ist der Kulmbacher Andreas Schmidt nicht glücklich. Der Bezirksvorsitzende der oberfränkischen HNO-Ärzte betont: "Es zielt an der Realität vorbei. Wo wir fachärztlich schlechter aufgestellt sind, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, da nutzt es auch nichts, Patienten eine Termingewähr zu geben - weil die Ärzte halt gar nicht da sind und der Schweriner ja nicht nach Hamburg fahren wird. Und da, wo wir gut versorgt sind wie in Kulmbach, da kann die Gesetzesnovelle sogar Facharztstellen kosten. Weil wir, etwa bei uns HNO-Ärzten, angeblich mit 150 Prozent überversorgt sind. Würde dann eine Stelle einkassiert - dann ergäbe sich wirklich ein Terminproblem."
Schmidt selber mache in seiner Praxis keinen Unterschied bei den Versicherten. "Ich habe keine Privatsprechstunde." Das Verhältnis zwischen Kassen- und Privatpatienten gibt er mit 85 zu 15 an. "Man muss berücksichtigen, dass ich selbstverständlich auch Akutfälle annehme, die nicht kalkulierbar sind."
Ein Problem sieht der Mediziner bei der Flexibilität der Patienten: "Manche sind wenig kompromissbereit und machen derart viele zeitliche Einschränkungen geltend, dass sich wiederum keiner wundern darf, wenn erst nach Wochen ein Termin zustande kommt."