Die Eigentümer sind verschollen. Irgendwo in Wales sollen sie sein, sagt eine Nachbarin. Schon seit vielen Jahren kümmert sich kein Mensch um das Gebäude in der Kronacher Straße 7. Das großstädtische geprägte Haus verfällt immer mehr. Mit Unterstützung des Landesamts für Denkmalpflege greift die Stadt Kulmbach jetzt zum "allerletzten Mittel", wie OB Henry Schramm sagt: Man hat beim Landratsamt die Enteignung beantragt.

Enteignung - der Begriff hört sich nicht gut an. In Deutschland ist das Eigentum durchs Grundgesetz geschützt. Hier greift der Staat jedoch nicht zum Spaß ein. "Was sollen wir machen? Alle andere ist ausgeschöpft", so der Oberbürgermeister.


"Ständig Ärger"

Seit fast 20 Jahren versucht die Stadt, die Eigentümer zu finden. Vor allem die direkten Nachbarn haben sich immer wieder beschwert. Immer wieder Probleme. Wenn drüben die Dachrinne verstopft war. "Dann hatten wir einen Wasserschaden", berichtet Hedwig Meisel, die ihr Haus in der Kronacher Straße 9 inzwischen ihrer Tochter überschrieben hat. Wenn drüben durch das kaputte Dach Wasser eindrang, war die gemeinsame Außenwand feucht. "Ständig Ärger", so Meisel.

Vor zehn Jahren war's besonders schlimm: schadhaftes Dach, geborstene Balken, durchgebrochene Decken, Hausschwamm, überall tote Vögel und Taubenkot. Durch herabstürzende Bauteile bestand akute Gefahr für Passanten, so dass sich die Stadt zum schnellen Handeln gezwungen sah. Es wurde eine Notinstandsetzung des Daches durchgeführt. Kosten: mehr als 150 000 Euro, von denen der Entschädigungsfonds der Denk malpflege 90 Prozent übernahm.


Städtebaulicher Wert sehr hoch

Das Haus bekam "einen neuen Hut", wie Hauptkonservator Ulrich Kahle vom Landesamt für Denkmalpflege sagte. Mehr aber auch nicht. Schon damals schätzte er die städtebauliche Wertigkeit der Denkmalgruppe
von der Kronacher Straße 1 bis 9 sehr hoch ein. Die Nummer 7 sei "zum Einfallen zu schade". Und auch heute meint er: "Die Substanz ist erhaltungsfähig, es muss sich allerdings jemand darum kümmern."

Für die Stadt war das Ende der Fahnenstange erreicht. Das bedeutet: Enteignung. "Es wäre nicht mehr anders gegangen", betont OB Schramm. Es gehe um den Substanzerhalt und den Erhalt der städtebaulichen Ansicht sowie um den Schutz der Nachbarhäuser. "Wir haben eine Menge Geld reingesteckt. Wenn sich der Eigentümer nicht kümmert, müssen es der Staat und die Stadt tun."


Verfahren extrem selten

Der Antrag der Stadt ist auf dem Schreibtisch von Kathrin Limmer gelandet. Die Juristin des Landratsamts führt die Enteignung durch, ein extrem seltenes Verfahren: "So was hatte ich in zehn Jahren noch nicht."

Nach ihren Worten wird das Denkmalschutzgesetz angewendet. Dort heißt es: Kann eine Gefahr für den Bestand des Denkmals nicht nachhaltig abgewehrt werden, so ist die Enteignung zugunsten des Staates oder einer anderen juristischen Person des öffentlichen Rechts zulässig. Hier sind aber auch Aspekte des Bauplanungsrechts und des Nachbarrechts berührt.


Alle Beteiligten sind zu hören

Das Verfahren läuft nach dem Enteignungsgesetz ab. Wenn eine zunächst anzustrebende Einigung nicht zu erreichen ist, muss laut Limmer eine mündliche Verhandlung stattfinden. "Ich muss alle Beteiligten hören und mir ein Bild machen", so die Juristin des Landratsamts, die die Enteignungsbehörde vertritt.

Da es sich um einen schweren Eingriff in die Individualrechte handelt, ist größte Sorgfalt geboten. Das Landratsamt wird versuchen, die Eigentümer - wenn sie noch leben - zu laden. Es geht auch um die Frage der Entschädigung. Dafür wird eventuell ein Gutachten gebraucht. Aber es dürfte nicht viel rauskommen, so marode wie das Haus ist. Außerdem muss man die Notinstandsetzung anrechnen. Limmer rechnet mit einem halben Jahr Verfahrensdauer.


Denkmalliste

Kronacher Straße 1 - 9: Gruppe von aneinandergebauten Mietshäusern mit Mansarddächern, die 1898/99 errichtet wurden. Die Gebäude mit reich gegliederten Fassaden repräsentieren den bürgerlich-großstädtischen Anspruch und veranschaulichen das Selbstverständnis der 1890 kreisunmittelbar gewordenen Stadt. Die Nummer 7 wurde vom Bamberger Architekten Chrysostomus Martin erbaut; die anderen Häuser von August Levermann.