Die Uhr am Eingang zum Spinnereigelände ist irgendwann bei 9.33 Uhr stehen geblieben. Doch für die riesige Industriebrache im Herzen des Marktes Mainleus ist die Zeit nicht abgelaufen, denn der Gemeinderat wird den Dornröschenschlaf beenden. Das entsprechende Zeichen hat Bürgermeister Robert Bosch zur Pressekonferenz am Mittwoch bereits gesetzt: "Die Flagge von Mainleus weht jetzt auf dem Spinnereigelände, und sie bleibt da jetzt auch hängen", sagte Bosch, bevor er den einstimmigen, in der jüngsten nichtöffentlichen Sitzung gefassten Beschluss des Marktgemeinderats verkündete.

Demnach erwirbt der Markt den größten Teil des Spinnereigeländes, nämlich 108 000 Quadratmeter. Der Rest, rund vier Hektar, verbleibt im Besitz der Mainleus Invest GmbH. Die Gesellschaft, die vor zwei Jahren nach einem Bieter-Wettstreit den Zuschlag für das Gelände erhalten und auf eigene Kosten bereits ein Nutzungskonzept ausgearbeitet hat, will ihren Teil aber ebenfalls in das städtebauliche Entwicklungskonzept integrieren lassen.
Über den Kaufpreis wurde zunächst noch Stillschweigen bewahrt. Bürgermeister Bosch verriet nur so viel: "Wir werden am Ende der Maßnahme diese Flächen zum Gutachterwert erworben haben. Wir stützen uns dabei auf ein Gutachten des Landkreises Kulmbach." Auf Nachfrage stellte der Bürgermeister fest, dass die Finanzberatungen des Marktes natürlich öffentlich sind und ließ durchblicken, dass der Gemeinderat für den Grunderwerb erst noch einen Nachtragshaushalt verabschieden wird.

Bosch, der ebenso wie die Fraktionssprecher Siegfried Escher (CSU), Michael Marx (SPD), Günther Stenglein (FW) und Erich Schiffelholz (ABL) die konstruktiven Gespräche der vergangenen Wochen und den über alle Parteigrenzen hinweg einvernehmlich gefassten Beschluss hervorhob, betonte, dass bei einem solchen Projekt die Chancen den Risiken gegenübergestellt werden müssen. "Das haben wir intensiv gemacht. Die Chancen sind weitaus größer als die Risiken". Mit seinem Dank an die CSU-Abgeordneten Martin Schöffel und Ludwig Freiherr von Lerchenfeld, die den Kontakt zur bayerischen Staatsregierung vermittelt hatten, verband Bosch die Hoffnung, dass nun auch der Landkreis die Entwicklung des Spinnereigeländes unterstützt. "Wir kämpfen auf jeden Fall für eine maximale Förderung von 90 Prozent."


Ideenwettbewerb

Der Geschäftsführer der Mainleus Invest GmbH, Sebastian Türk, dem mit Arno Friedrichs für die Geduld bis zur Entscheidungsfindung gedankt wurde, bestätigte, dass eine sehr viel längere Wartezeit "nicht gutgegangen wäre", weil die Gesellschaft ihre Alternativpläne nicht länger hätte zurückstellen können. Außerdem erinnerte Türk, der selbst in der Spinnerei gelernt hat und dessen Vater dort 40 Jahre als Elektriker beschäftigt war, an einen Termin mit dem Denkmalschutz, der großes Potenzial sehe: "Wir haben hier über 110 Jahre Industriegeschichte. Wäre der Abbruchhammer geschwungen worden, hätten wir nicht verkauft."

Bürgermeister Bosch hoffte, dass der Gemeinderat schon in der nächsten Sitzung ein Büro beauftragt, das einen Ideenwettbewerb auslobt. Dafür sei ein Zeitfenster von etwa eineinhalb Jahren vorgesehen. Gedacht sei an eine Nutzung als Wohn- und Gewerbegebiet sowie für öffentliche Flächen - an Lösungen, die auf die Gemeinde abgestimmt sein müssen.

Einige Ideen, die aus dem von der Mainleus Invest GmbH in Auftrag gegebenen Nutzungskonzept stammen, machten bei der Pressekonferenz schon die Runde: Die Schaffung eines zentralen Platzes, eine Oldtimer-Ausstellung und eine Markthalle. Als denkbare Nutzungsszenarien werden in der vom Dachauer Architekturbüro Huber + Lugmair ausgearbeiteten Expertise unter anderem auch ein Marktplatz für regionale Handwerksbetriebe und Manufakturen, Flächen für Gastronomie und Versorger, Depots, Events, Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft sowie Freizeit- und Sportmöglichkeiten genannt.

Die Uhr auf dem Spinnereigelände wird sich also weiterdrehen.