Ihre Größe ist alles andere als spektakulär: Sie haben einen Durchmesser von einem Millimeter und sind gerade einmal fünf Millimeter groß. Ihr Name ist ein Zungenbrecher: Archaeocyathen. Und sie sind eine wissenschaftliche Sensation. Die kleinen schwammartigen Kelchtiere sind die ältesten Fossilien Bayerns, vielleicht sogar Deutschlands. Entdeckt wurden sie in einem Kalkstein in einem Geotop bei Presseck. Bisher wurden derartige Versteinerungen deutschlandweit nur in der Nähe von Leipzig gefunden.


Kleine Vertreter ihrer Art
Die Fossilien sind 520 Millionen Jahre alt und stammen aus dem Zeitalter des Unteren Kambrium. Die Lebewesen konnten rund zehn Zentimeter hohe Kelche bilden, die am Meeresboden festwurzelten. Die Exemplare aus dem Frankenwald sind also recht kleine Vertreter ihrer Spezies.

Die Archaeocyathen lebten in einem flachen Meer vor Ur-Afrika. Als sich vor mehr als 300 Millionen Jahren Ur-Afrika auf Ur-Europa zubewegte, brachen große Gesteinspakete vom afrikanischen Kontinentalrand ab und glitten in das Tiefseebecken, das die beiden Kontinente trennte.


Kontinente stießen zusammen
Als die Kontinente zusammenstießen, faltete sich ein Gebirge auf, von dem heute noch die Höhenzüge des Bayernwaldes, des Fichtelgebirges und des Frankenwaldes zeugen. Dabei wurden auch Gesteine mit nach oben gehoben - darunter eben jener Kalkstein-Brocken, in dem die kleinen uralten Meerestiere versteinert sind.

Entdeckt wurde der spektakuläre Fund von den Paläontologen Hans-Georg Herbig und Thomas Wotte von der Universität Köln, den sie gestern im Wald bei Presseck zusammen mit Roland Eichhorn, dem Leiter des geologischen Dienstes am Landesamt für Umwelt in Augsburg, vor zahlreichen Medienvertretern vorstellten.


Ziel: dauerhaft erhalten
Eichhorn zufolge wird nun versucht, die Versteinerungen freizulegen und dauerhaft zu erhalten. Ein Teil davon könnte geborgen und örtlichen Museen zur Verfügung gestellt werden.

"Der älteste Bayer kommt aus Afrika", erklärte Professor Herbig mit einem Schmunzeln. Der Fund sei ein Zufall gewesen. Eine Studentin habe Dünnschliffe von Gesteinen aus den 70er Jahren durchgesehen und dabei etwas entdeckt, was sie bislang so noch nicht gesehen hatte - eben jene Archaeocyathen aus dem Frankenwald. Nachdem der Fundort auch nach 40 Jahren noch bekannt war, machte sich der Professor auf die Suche und wurde schnell fündig. Die Sensation war perfekt.


Fundgrube für Forscher
Dass Presseck eine Fundgrube für Forscher ist, das weiß Bürgermeister Siegfried Beyer zwar. "Dass es aber so eine Steigerung gibt", darüber freut er sich natürlich besonders. Der Fund werde Ausstrahlung haben, sagte er. Vielleicht könne man einen "Schlenker" vom Steinreich-Erlebnispfad einbauen und damit die 200 Kilometer ausgeschilderte Wanderwege um Presseck um eine Attraktion reicher machen, spekuliert er schon.
Für Freiherr Ludwig von Lerchenfeld hat die Entdeckung sogar internationale Bedeutung.



Das bayerische Umweltministerium plant nach dem sensationellen Fund nun, das Gebiet als Naturdenkmal unter Schutz zu stellen. Solche Gebiete zeichnen sich durch Seltenheit, Eigenart oder Schönheit sowie ihren Wert für Wissenschaft, Heimatkunde und Naturverständnis aus. In Bayern sind rund 7000 Naturdenkmäler ausgewiesen.

Bislang war ein 515 Millionen Jahre alter Seeigel - auch aus der Region - ältestes Fossil Bayerns.