Wo soll einer anfangen zu erzählen, nach einer viermonatigen Reise durch Russland und Zentralasien? So viel haben Bruno und Nese Wagner erlebt und gesehen, 22 000 Kilometer auf eigene Faust zurückgelegt, hunderte Motive festgehalten - womit aber beginnen?

Vielleicht der Reihe nach. Es ist Sonntag, der 12. Juli. Mit ihrem Wohnmobil starteten die Ludwigschorgaster in ein spannendes Abenteuer, das akribisch vorbereitet worden war. Sie wollten frei und unabhängig sein. Über Polen, Litauen und Lettland führte die erste Etappe nach Moskau, eine Millionenmetropole der Superlative. "Die Sehenswürdigkeiten dort sind so vielfältig und das Stadtleben so bunt, dass es an jeder Ecke Neues zu entdecken gibt", schwärmt das Ehepaar. Weltberühmte Theater, goldglänzende Kirchenkuppeln, edle Einkaufszentren, Museen und großzügige Parkanlagen prägen das Bild. Kreml und Roter Platz erlebten die Wagners als majestätisch. Moskau ist voller Attraktionen.

Ein Muss auf der Weiterfahrt war der sogenannte Goldene Ring mit seiner bewegten Geschichte nordöstlich der russischen Hauptstadt. In Sergijew Possad und Susdal überragen Glockentürme prächtiger Kathedralen das Stadtbild.


Autobahnen und Rumpelpisten

Dann ging es ostwärts. 1000 Kilometer, auf Autobahnen wie auch Rumpelpisten. Die Uralregion um Jekaterinburg und Tscheljabinsk, die eine schöne, unberührte Natur umgibt, war erreicht. Unterbrochen durch lohnende Aufenthalte in der Stadt Nischni Nowgorod, die sich am Zusammenfluss von Wolga und Oka in ihrer ganzen Schönheit zeigte. Oder Kasan, die Hauptstadt der Republik Tatarstan mit ihrer außergewöhnlichen Architektur.


Radarfalle: 400 Rubel Strafe

Viele Schnappschüsse wurden gemacht, ein weniger schöner von der Miliz. Bruno Wagner war in eine Radarfalle getappt. Die Strafe: 400 Rubel, das sind zum Glück nur 6,50 Euro.

Jekaterinburg, die Millionenstadt an der Grenze zwischen Europa und Asien, präsentierte sich den Ludwigschorgastern als moderne Sportstadt. Kein Wunder, dass die Metropole Spielort bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ist. Und sie ist auch Ort, an dem die russische Zarenfamilie ermordet wurde. Nicht verborgen blieben ihnen soziale Gegensätze. "Edelkarossen gehören genauso zum Bild wie arme Leute, die betteln gehen", erinnert sich der 66-Jährige.

Klischees, die man mit Russland verbindet, kann er nicht bestätigen. Im Gegenteil: "Die Menschen sind kultiviert, gastfreundlich und hilfsbereit."

Einen Streckenabschnitt zwischen Ufa und Samara säumen unzählige Erdölpumpen. Russland ist ein rohstoffreiches Land. In Samara hinterließ die berühmte Wolgapromenade einen bleibenden Eindruck. Mitte August wurde die Grenze nach Kasachstan überquert.

Warum nach Kasachstan? "Es ist die Sehnsucht nach meinen Wurzeln. Im zentralen Asien ist die Urheimat meiner Vorfahren", sagt Nese Wagner, eine geschichtsbewusste Frau mit türkischer Herkunft. "Und die Neugier, Neues zu sehen, zu erleben und zu erfahren", ergänzt ihr Mann. Steppen und Wüsten bestimmen zu großen Teilen das Landschaftsbild.


Unendliche Weiten

Die unendliche Weite des riesigen Landes brachte die beiden immer wieder zum Staunen. "Man kann tausend Kilometer fahren, ohne dass sich groß etwas verändert. Dabei verspürt man ein Gefühl von Freiheit", erzählt Bruno Wagner. Die Verhältnisse auf dem Land beschreiben sie als ärmlich. Die Häuser bestehen aus Lehmsteinen mit Plumpsklo im Garten. Die große Kluft zwischen Arm und Reich ist deutlich. In den größten Städten Astana und Almaty gibt es viele Neureiche.

Doch fand sich in Kasachstan auch viel Faszinierendes: schneebedeckte Berggipfel, weitläufige Hochebenen und eine vielfältige Fauna und Flora. Einen magischen Reiz übte auf die beiden Ludwigschorgaster der türkis leuchtende Balchaschsee aus. In diesem See hat die Natur ein besonderes Wunderwerk erschaffen: Der Ostteil ist salzhaltig, und der Westteil enthält Süßwasser.

Viele Kontakte gab es mit der Landbevölkerung, denn campiert wurde immer in Dörfern. Auf dem Weg nach Kirgistan war man nur noch 90 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt, aber fast 11 000 Kilometer von der Heimat. Mit seiner grandiosen Hochgebirgslandschaft und traumhaften Natur bleibt ihnen Kirgistan als "wahnsinnig schönes Land" in Erinnerung. Georgien, das Schwarze Meer und die Türkei boten weitere unvergessene Erlebnisse einer einmaligen Reise.

Bruno und Nese Wagner hätten noch so viel zu erzählen.