"Mein Körper gehört mir!" und "Meine Gefühle sind richtig und wichtig" Für die Kinder im Kindergarten Arche Noah in Kasendorf sind diese Sätze mittlerweile ganz selbstverständlich.

Die Einrichtung hat sich die Aufklärung und damit auch den Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt auf die Fahnen geschrieben. "Wir wollen unsere Kinder stärken und erreichen, dass sie sich ihre Gefühle bewusst machen", so Kindergartenleiterin Susanne Noë. Ein großes Ziel.

Um dem Ganzen Struktur zu verleihen, hat sich der Kindergarten professionelle Hilfe geholt. Anfang des Jahres war die Autorin und Präventionsexpertin Sonja Blattmann in der Einrichtung. Sie hat dabei sowohl Eltern sensibilisiert, als auch mit den Kindern gesungen, gespielt und gesprochen.

Mehrere Monate nach dem Besuch von Sonja Blattmann sind ihre Inhalte so präsent und gefragt wie nie. Auch ihre Bücher spielen eine große Rolle. Das Lied "Küsschen hier und Küsschen da, manchmal find ich´s wunderbar, aber manchmal sag ich Nein! Das entscheide ich allein" gehört zum festen Repertoire vieler Kinder hier.
Auch die Geschichte von Sophie wird gerne gelesen, die an ihrem Geburtstag jedes Mal viele Fragen dazu hat, wie sie als "kleines Pünktchen" eigentlich in Mamis Bauch gekommen ist - oder war sie da schon immer drin? Oder die Geschichte von Paula, die erfährt, was schöne und was unangenehme Berührungen sind.

Die Erzieherinnen lesen und singen die Bücher gerne immer wieder vor. Und zwar den Dreijährigen genauso wie den Vorschulkindern. "Jedes Kind zieht das raus, was es versteht und was für dieses Kind gerade im Moment wichtig ist," so Susanne Noë.

Davon ist auch Sonja Blattmanns überzeugt. Die Autorin ist Theater- und Sexualpädagogin und Mitbegründerin des MuT-Zentrums zum Schutz und zur Stärkung von Mädchen und Jungen. Sie ist überzeugt: "Ein Kind das über seinen Körper Bescheid weiß, kann sich besser vor unangenehmen Berührungen und Grenzüberschreitungen schützen." Das ist das Ziel ihrer Arbeit: Kinder stark machen und ernst nehmen. Dazu gehört zum Beispiel auch eine ihrer Schutzbotschaften: "Mein Körper gehört mir!".

"Kinder die auch in nahen Beziehungen ,Nein' sagen dürfen, wenn es um Berührungen geht, die ihnen unangenehm sind, fällt es in ihrem gesamten Alltag leichter zu den eigenen Grenzen zu stehen", so die erfahrene Pädagogin. "Gerade wenn der Widerstand der Kinder anerkannt ist, besteht eine große Freiheit alles zu genießen wofür es eindeutige ,Ja-gefühle' gibt."

Im Kindergarten und im Alltag lernen Kinder den Umgang mit Nähe und Distanz. Die Grundlage dazu bilden die eigenen Antennen für Gefühle und Grenzen und das Vertrauen, dass ein selbstbestimmtes Verhalten nicht bestraft wird sondern wertgeschätzt, so Sonja Blattmann "Eltern sollten Kindern mitgeben, dass sie sich darüber freuen, wenn ihr Kind sich auch mal klar zu einem ,Nein' bekennt und seine Gefühle ausdrückt."

Um Kinder darauf vorzubereiten ist es auch wichtig, die Fragen der Kinder zu ihrem Körper, zu Gefühlen und auch zum Sex ehrlich zu beantworten. "Kinder sind heute viel früher mit Sex konfrontiert, als in vorherigen Generationen. Sei es im Fernsehen oder im Smartphone älterer Geschwister", so Susanne Noë. Wichtig ist ihrer Einschätzung nach, dass das Kind mit diesen Eindrücken nicht allein bleibt. "Wir wollen, dass die Kinder mit diesen Eindrücken zu uns kommen, mit uns darüber reden und wir als Erwachsene die Aufklärung übernehmen und nicht die Medien."

Mehr als Wissensvermittlung

Doch welches Alter ist eigentlich das richtige, um den Kindern zu erklären, wie das mit dem Sex und dem Kinderkriegen genau funktioniert?

Eigentlich ist hier schon die Frage falsch, meint Sonja Blattmann im Interview mit der Bayerischen Rundschau.
Denn bei der Begleitung der eigenen Kinder und deren psychosexuellen Entwicklung geht es um weit mehr als die pure Wissensvermittlung, wie die Babys in den Bauch kommen und wieder heraus. "Es macht Sinn eine sexualfreundliche Erziehung im Alltag von Anfang an als wertschätzende Haltung zu vermitteln." Wertschätzend bedeute dabei neugierige Fragen der Kinder ernst zu nehmen und gemeinsam nach Antworten zu suchen und auch Neugierde und kindliche Lust als Zeichen von seelischer und körperlicher Gesundheit zu betrachten.

Ein Buch wie "Mein erstes Haus war Mamis Bauch, kann Eltern gut dabei helfen, die richtigen Worte zu finden. "Ein offener und natürlicher Umgang stärkt das Selbstwertgefühl eines Kindes mehr als die offene oder unterschwellige Vermittlung, dass Sexualität irgendwie schmutzig oder sogar gefährlich ist", ist sich Sonja Blattmann sicher. Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen ist damit quasi ein Nebenprodukt der wichtigen Stärkung unserer Kinder. Denn starke Kinder, die ihren Körper und ihre Grenzen kennen werden seltener zu Opfern.