Bayerische Rundschau:Sie haben als 15-Jähriger "In Todesmühlen" angesehen.
Hans Nützel: An diesem Tag war das Burgtheater voll besetzt. Ich denke, es waren überwiegend NSDAP-Mitglieder aus Kulmbach und der Region, aber doch auch Interessierte.

Erinnern Sie sich an Ihre Empfindungen?
Furchtbar, grauenhaft. Entsetzlich. Mir haben die Knie gezittert. Von den Gräueltaten in den KZs hatte ich nicht die geringste Ahnung. Ebenso wenig mein Vater, der mich gebeten hatte, ihn ins Kino zu begleiten.

Hat sich Ihr Vater, Fritz Nützel, freiwillig den Film angesehen?
Nein, er war gezwungen. Er ist, obwohl er sozialdemokratisch dachte und mit vielen SPD-lern befreundet war, 1937 in die NSDAP eingetreten. Er hätte sonst kein Baugrundstück in der Hagleite bekommen. Zudem gab man ihm zu verstehen, es würde an seinem Sohn, also mir, ausgehen. Mein Vater hat sich sonst politisch völlig enthalten. Durch eine Artillerieverletzung aus dem Ersten Weltkrieg war er nahezu taub. Von "In Todesmühlen" hat er nur die Bilder auf der Leinwand wahrgenommen. Danach war er nicht mehr ansprechbar.

Hat er den Schock mit der Zeit verarbeitet?
Am 2. Februar 1946, es muss zwei oder drei Tage nach dem Kino-Besuch gewesen sein, ist er auf dem Weg zur Arbeit in der Wurstfabrik Sauermann auf mysteriöse Weise gestürzt. Er hat mit dem Tod gerungen, doch wegen der schlechten ärztlichen Versorgung konnte ihm nicht geholfen werden. Er ist 50 Jahre alt geworden. Ich bin sicher, dass die Last, die ihn gedrückt hat, eine Rolle gespielt hat.