Sie hat einen Riesenfehler gemacht, hat als Mitarbeiterin einer Kulmbacher Bank 1,2 Millionen Euro Kundengelder verzockt und ist durch ihre riskanten Börsengeschäfte in eine existentielle Krise geraten. Bei ihrer Entdeckung vor drei Jahren trägt sie sich mit Selbstmordgedanken, doch jetzt hat sie ihr Leben offenbar wieder im Griff.

Die Angeklagte stellt sich - nicht nur im Prozess am Landgericht Bayreuth - ihrer Verantwortung. Sie hat die Taten gestanden, einen Teil des Schadens wiedergutgemacht und schleppt noch einen Schuldenberg von mehr als 500.000 Euro mit sich rum. Sie macht eine Therapie gegen ihre Spielsucht und rührt keinen Alkohol mehr an.


Feste Anstellung in Aussicht

Nach einer Umschulung hat sie sich beruflich neu orientiert und hat - trotz ihrer Vergangenheit - einen festen Arbeitsplatz in Aussicht, wie ein 52-jähriger Unternehmer aus dem Kreis Bayreuth am Mittwoch vor Gericht bestätigt. "Ich will sie unterstützen", sagt er und bezeichnet die 41-Jährige als "Topkraft". Der Zeuge weiter: "Ich wäre dumm, wenn ich sie nicht einstellen würde."

Ob sie die Chance bekommt, beruflich wieder Fuß zu fassen, oder ob sie ins Gefängnis muss, entscheidet die Strafkammer. Am zweiten Prozesstag (hier der Bericht vom ersten Tag) wird deutlich, dass die rechtliche Würdigung des Falles "nicht ganz einfach" ist, wie sich Vorsitzender Richter Michael Eckstein ausdrückt. Die Anklage lautet auf Untreue. Deswegen werden die Kompetenzen der Frau in der Bank ausführlich geprüft, und das Gericht kommt zum Ergebnis, "dass sie definitiv keine leitende Angestellte war".

Zur selben Einschätzung gelangt die Verteidigung. Der Bayreuther Rechtsanwalt Wolfgang Schwemmer hält daher eine Bewährungsstrafe für möglich.


Weg vom Wodka

Die Einweisung in eine Entziehungsanstalt oder ein psychiatrisches Krankenhaus erachtet Chefarzt Klaus Leipziger von der Klinik für Forensische Psychiatrie in Bayreuth nicht für nötig. Die Angeklagte habe früher Alkohol - vor allem Wodka - eingesetzt, um ihren Tag meistern zu können. Als sie wegen Suizidgefahr im Bezirkskrankenhaus aufgenommen worden ist, seien 2,45 Promille festgestellt worden - ohne dass sie total betrunken gewirkt habe. Inzwischen lebe sie alkoholabstinent.

In der Klinik Münchwies im Saarland, so Leipziger, habe man ihr eine pathologische Spielsucht attestiert. So weit geht der Sachverständige nicht. Er bescheinigt ihr neben der Alkoholgewöhnung einen "Drang zum gewohnheitsmäßigen Spielen und Wetten". Die Abhängigkeit habe aber nicht dazu geführt, dass ihre Steuerungs- oder Einsichtsfähigkeit beeinträchtigt gewesen sind.

Zur Triebfeder ihres Handelns sagt der Psychiater: Für ihre Sucht, an der Börse zu zocken, sei es fatal gewesen, "dass sie am Anfang erfolgreich war". Dadurch sei die Überzeugung gewachsen, "dass sie's drauf hat, dass sie das Roulette überlisten kann". Wie alle Spieler habe sie nicht einkalkuliert, mehr verlieren als gewinnen zu können.


Günstige Prognose

Leipziger stellt der ehemaligen Bankkauffrau eine günstige Prognose: "Es ist kaum vorstellbar, dass sie erneut in so eine Situation gerät." Kriminelle Neigungen lägen bei ihr nicht vor.

Das Gericht muss am Freitag, wenn es das Urteil fällt, über einen wohl einmaligen Fall in der Kulmbacher Bankenlandschaft entscheiden. Der Ex-Chef der Angeklagten, seit fast 40 Jahren im Geschäft, kennt jedenfalls keinen weiteren Bankmitarbeiter, der sich durch hochspekulative Börsengeschäfte ruiniert hätte. Der Zeuge verabschiedet sich im Gerichtssaal per Handschlag von seiner ehemaligen Kollegin. Es scheint, als wünsche er ihr Glück.