Kann eine Lesung aktueller sein? Erst vor gut einem Monat, am 24. August, ist der Ort Amatrice nördöstlich von Rom durch ein schweres Erdbeben fast vollständig zerstört worden. Die Häuser zerkrümelten wie Sandkuchen, über 290 Menschen kamen ums Leben.


Großes Leid in den Abruzzen


Sieben Jahre vorher, am 6. April 2009, hatte sich eine ähnliche Katastrophe in L'Aquila ereignet. Mitten in der Nacht erschütterte ein Erdbeben mit der Stärke 5,8 die Stadt in den Abruzzen. Zehntausende Einwohner wurden obdachlos, 309 Menschen starben, darunter Dutzende Kinder.

Stefanie Schaller, in Münchberg geboren und aufgewachsen, hat das Schicksal der Menschen berührt. Sie wollte, über den kurzzeitigen medialen Rummel hinaus, mehr über die Hintergründe erfahren. Vor allem bewegte sie die Frage, ob man nicht das Ausmaß der Katastrophe hätte begrenzen können.

Die heute 30-Jährige reiste mehrfach nach Italien, befragte vor Ort Betroffene, wertete Zeitungen, wissenschaftliche Publikationen und Gerichtsakten aus.


In dunkle Kanäle der Mafia


Was sie bei ihren Recherchen herausfand, waren brutale, sie zutiefst erschütternde Fakten: Skrupellose Baufirmen, die die Häuser entgegen den in der erdbebengefährdeten Region gültigen Bauvorschriften aus Kostenersparnis mit hohem Sand- und zu geringem Betonanteil errichtet haben. Unfähige, korrupte Kommunen. Eine Regionalregierung, die die Gefahr eines Erdbebens herunterspielte und keine Vorsorgemaßnahmen für den Notfall traf.

Und schließlich das Versickern von Spendengeldern in dunkle Kanäle. Von den 490 Millionen, die von der EU als Hilfsgelder zur Verfügung gestellt wurden, erreichte nur ein kleiner Teil die Opfer, wobei die Mafia offensichtlich die Hände im Spiel hatte.


Fact-Fiction-Roman


Stefanie Schaller hat unter dem Namen Sara More aus dem Fakten-Gerüst einen 552-seitigen Roman geformt, der den Titel "Irrtum 5,8 - Trümmer von L'Aquila" trägt - die Ziffer spielt auf die Stärke des Bebens nach der Richterskala an.

Doch sie belässt es nicht bei einer nüchternen Dokumentation, sondern lässt Menschen sprechen. Zum Beispiel den italienischen Lokalredakteur Giustino Parisse, der bei dem Unglück beide Kinder und den Vater verloren hat. In abgrundtiefer Trauer richtet er einen "Brief an meine Kinder", seine tote Tochter und den Sohn.

Vor allem aber lässt die Autorin die grausige Wirklichkeit durch von ihr geschaffene Figuren lebendig werden, die sie in eine Story bringt, die sich wie ein Thriller liest.


Wunderbare Frauenporträts


Wunderbare Frauenporträts gelingen ihr in dem Buch. Etwa von Karina, einer jungen, fetzigen Reporterin, die es ins Erdbebengebiet verschlagen hat. Oder, als ganz anderer Frauentyp, von Viola, einer jungen Hausfrau, die mit Mann und Kindern in L'Aquila lebt und durch das Unglück entwurzelt wird.

Ein Interview mit der Autorin lesen Sie am Freitag in der Bayerischen Rundschau.