Sie sind Kinder gewesen. Nicht viel mehr als zehn, elf Jahre alt. Sie haben Flucht und Vertreibung erlebt. Todesangst gespürt. Und doch Glück gehabt, denn sie haben überlebt. Drei Menschen - drei Schicksale. Eines verbindet sie, heute über 80 Jahre alt: Die Odyssee von Klementine Schoberth, Bernhard Kriest und Eckart Kudlich endet in Kulmbach.

Oberfranken wird nach dem Zweiten Weltkrieg ihre zweite Heimat. Doch die Liebe zu den Orten ihrer Kindheit, die jetzt zu Tschechien oder Polen gehören, ist geblieben. "Die Wohnung, Schulfreunde, Spielkameraden - alles weg. Diesen Heimatverlust spürt man, wenn man älter wird, noch mehr", betont Bernhard Kriest.

Mit diesen Kindern kamen infolge des Krieges Tausende Heimatlose nach Kulmbach und in das Umland. Die Bevölkerungszahl schnellte in die Höhe - damals ein Riesenproblem. Die Unterbringung der Vertriebenen, Flüchtlinge und Evakuierten war die größte Herausforderung für die Behörden, vor die sie sich je gestellt sahen.

Zwei Zahlen machen die Dimension deutlich: Im Jahr 1950 mussten allein in der Stadt Kulmbach 7500 Menschen untergebracht werden - das entsprach einem Anteil von 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Wohnungsnot war enorm. Und das Lager Plassenburg beherbergte in Spitzenzeiten bis zu 1200 Personen.


"Dann waren wir Flüchtlinge"

Eckart Kudlich, Jahrgang 1933, erlebt in Troppau (heute Opava), ganz im Osten Tschechiens gelegen, mit seinen drei Geschwistern eine unbeschwerte Kindheit. Der Vater, Museumsdirektor, hat für die Familie "ein elegantes Haus" gebaut, berichtet er und erinnert sich an "völlig friedliche" Weihnachten 1944. "Wir haben gedacht, dass die 150 Kilometer entfernte Front hält - so naiv waren wir." Aber am 24. Januar heißt es: Troppau wird geräumt. "Und am nächsten Tag waren wir Flüchtlinge."

Ihre Richtung: bloß weg von den Russen. Die Mutter macht mit den Kindern Zwischenstation in Aussig an der Elbe (Usti nad Labem), wo die Oma lebt. "Bei den Bombenangriffen dort hatten wir Todesangst." Überall Flüchtlinge, Verwundete, Tote. Auf dem Weg zu den Amerikanern geht es am 8. Mai ("Wir wussten nicht, dass der Krieg aus ist") zunächst nach Leipzig. Es folgt ein Dreivierteljahr auf einem Bauernhof. 1946 kommt die Familie nach Oberfranken, wo der Vater gefallen ist, und bleibt in Kulmbach hängen.

Der kleine Eckart, damals elf Jahre alt, macht etwas aus sich. Er studiert, wird Architekt und lebt mit seiner Frau in Mannsflur. "Wir fühlen uns hier sehr wohl", sagt er. "Aber ich empfinde immer noch den Verlust der Heimat. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich noch mit 25 Jahren wieder nach Hause gegangen."


Zurück nach Schlesien

Bernhard Kriest, Jahrgang 1936, aus dem niederschlesischen Gallenau (65 Kilometer südlich von Breslau) flieht im April 1945 mit Mutter und Schwester vor der Roten Armee. "Wir hörten das Donnergrollen der Geschütze", sagt er. Nach dem Kriegsende, das man in der Nähe von Karlsbad erlebt, "sind wir wieder zurück". Wieso zurück? "Das war unsere Heimat. Keiner rechnete damit, dass Schlesien von Deutschland abgetrennt wird."

Die Mutter führt den Kohlen- und Düngemittelhandel fort - bis zum November 1945. "Dann mussten wir alle raus." In Viehwaggons eingepfercht, werden der Neunjährige und die Deutschen aus Schlesien vertrieben. Es folgt eine Odyssee durch halb Deutschland - mit dem Ziel Thurnau, wo der aus der Gefangenschaft entlassene Vater untergekommen ist. Trotzdem hausen Kinder und Mutter zunächst in verschiedenen Lagern. Erst 1950 findet die Familie eine gemeinsame Wohnung in der Kettelerstraße in der Blaich.

Nach der Oberrealschule und einer kaufmännischen Lehre bewirbt sich Bernhard Kriest bei der Justiz. Der langjährige Obmann der Schlesischen Landsmannschaft wird Rechtspfleger am Amtsgericht Kulmbach und lebt mit seiner Frau Theresia in Windischenhaig.


Keine Reichtümer, aber Geborgenheit

"Wir hatten keine Reichtümer, aber Geborgenheit", erzählt Klementine Schoberth, Jahrgang 1933, über ihre glückliche Jugend in Nispitz, einem südmährischen Dorf im Kreis Znaim (Znojmo/Tschechien). Beim Einmarsch der Russen erlebt die Zwölfjährige Krieg und Gewalt. "Wir Kinder und vor allem die Frauen hatten panische Angst."

Was da noch keiner ahnt - ein Dreivierteljahr später folgt die Vertreibung der Südmährer und der Familie Nowak mit ihren sechs Kindern. "40 Personen in einem Viehwaggon eingesperrt, ein Eimer als Toilette für alle, wir haben geschrien" - so werden die Menschen aus der Heimat vertrieben.


In Melkendorf nicht willkommen

Warum der Zug für sie und ihre Leute in Kulmbach hält, weiß Klementine Schoberth bis heute nicht. In Melkendorf auf einem Bauernhof einquartiert, merkt das Mädchen, dass die Vertriebenen nicht willkommen sind: "Die bittere Not haben wir erst hier kennengelernt." Zwei Zimmer für acht Personen, wenig zu essen. Doch mit der Zeit werden die Neubürger respektiert. Sie fangen bei Null an, "aber wir sind alle zu einem Häuschen gekommen". Heute möchte sie nirgendwo anders mehr leben als in Melkendorf. Hier ist sie zu Hause - aber Nispitz bleibt unvergessen: "Daheim ist dort."