Am Donnerstag um 13 Uhr hatte die letzte Stunde der Linden in der Marktschorgaster Bahnhofstraße geschlagen. Auslöser der kurzfristig angesetzten Fällaktion war der Baum, der dort am 28. Januar umgestürzt war. Eine Fäulnis im Wurzelbereich war die Ursache. Und das kurz vor Mitternacht.

Der Lärm erschreckte die Mieter der gemeindlichen Wohnung in der Bahnhofstraße 10 gehörig. Willi Rogowski, zum Beispiel, der sich schon schlafen gelegt hatte. Auch Rosa Rupprecht kann sich noch genau an besagten Abend erinnern. Sie hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, doch gegen 23.30 Uhr war es mit ihrer Ruhe zu Ende. Ein unheimliches Donnern kam auf. "Ich bin im ersten Moment vor Angst so erschrocken, dass ich mir gar nicht erklären konnte, was los ist. Mein Herz klopfte, als wollte es herausspringen", schildert Rosa Rupprecht diesen Augenblick.

Der Schnee, der damals auf dem Dach lag, war es nicht. Rosa Rupprecht schlich ängstlich ins Nebenzimmer, wo sie aus dem Fenster in den Hof blickte und den gefallenen Baumriesen sah - ein Monster mit krakelnden Ästen, die an der Hauswand heruntergerutscht waren. Kurz darauf läuteten Monika und Klaus Franke, die über ihr wohnen, und erkundigten sich, ob der Frau etwas passiert sei.

Dies war nicht der Fall, keiner wurde verletzt. Nicht ungeschoren kam allerdings der Wagen von Willi Rogowski davon, der im Hof abgestellt war und dessen Heckscheibe demoliert wurde. Zum Glück waren um diese Zeit keine Personen in der Bahnhofstraße unterwegs.

In den Morgenstunden des 29. Januar machten sich die Gemeindearbeiter an die Aufräumarbeiten. Bürgermeister Hans Tischhöfer zog den Kreisfachberater für Gartenbau, Friedhelm Haun, zu Rate. Dieser führte den Sturz des Baumes auf eine Fäulnis im Wurzelbereich zurück. "Es war nicht zu erkennen, dass die Linde eine Gefahr darstellt. Von der Krone her war nicht zu erwarten, dass dem Baum etwas fehlt", meinte der Experte und machte deutlich, dass die Gemeinde jetzt in der Verantwortung stehe, zu handeln. Deshalb schaltete der Bürgermeister auch Forstamtsfrau Anja Mörtlbauer ein. Die Mitglieder des Gemeinderatsausschusses beschlossen dann zusammen mit den Fraktionssprechern und Bürgermeister Tischhöfer, dass die Linden gefällt werden. Am Donnerstag war es dann so weit, die Sicherheit für Hausbewohner, Fußgänger und Verkehrsteilnehmer musste wieder hergestellt werden.

Hans Tischhöfer versicherte, dass wieder Bäume gepflanzt werden. Bei dieser Maßnahme gelte es auch, den Ausbau des Gehsteigs mit einzubeziehen.

Die Anlieger atmeten jedenfalls auf und freuten sich, dass die Linden gefällt wurden. "Zum einen können wir sicher leben, zum anderen kann wieder Sonnenlicht in unsere Zimmer fallen", argumentierten sie. Gegen Neupflanzungen haben sie natürlich nichts einzuwenden.

Erinnerungen an Kastanienallee

Bei den älteren Marktschorgastern weckt das Ereignis Erinnerungen an die einstige Kastanienallee an der Straße zum Bahnhof. Um 1885 hatte der Verkehrs- und Verschönerungsverein Pflanzungen entlang der Distriktstraßen durchgeführt und die Kastanienallee zum Bahnhof angelegt. Die Kreisstraße KU II gab es zu jener Zeit noch nicht.
Entlang der Straße zum Bahnhof standen früher keine Häuser. Man hatte von oben sogar einen Blick auf die St.-Jakobus-Kirche. Unter Bürgermeister Georg Wunderlich wurden die gemeindeeigenen "Familienhäuser" an der Bahnhofstraße gebaut. Erst 1977 hatte der Landkreis die Straße, wie eine Steintafel am Hang vor der Schule zeigt, neu ausbauen lassen. Zuvor pflanzte die Gemeinde entlang der Straße Linden, die nun aus Sicherheitsgründen gefällt werden mussten.