Im historischen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Bayreuth geht es anständig und gesittet zu. Darauf achtet schon der Vorsitzende Richter der 1. Großen Strafkammer. Wenn notwendig, weist Michael Eckstein selbst einen Zuhörer zurecht, der auf seinem Platz herumlümmelt. Gleichwohl brennt in dem Prozess die Luft, in dem seit sieben Monaten darum gerungen wird, ob die schweren Vorwürfe von vier Frauen wahr oder erfunden sind - ob der 71-jährige Angeklagte seine Tochter und seine Ex-Frau vergewaltigt und seine beiden Enkelinnen missbraucht hat.


Pöbeln nicht erlaubt

Am Mittwoch verschärft sich die Tonlage. Der Grund dafür: die massive Kritik der Nebenklage am Gutachten über die Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin in der Verhandlung am Montag (Bericht hier). "Ein tolles Stück" nennt Verteidiger Johann Schwenn aus Hamburg den Antrag von Rechtsanwalt Frank K. Peter, Worms, der die Tochter des Angeklagten und Nebenklägerin vertritt. "Man pöbelt eine Sachverständige nicht an", meint Schwenn und spricht von einem "ganz faulen Trick". Die Gutachterin habe keineswegs wissenschaftliche Standards verletzt, indem sie das "Traumazeugs" nicht berücksichtigt hat. Dies sehe auch der Bundesgerichtshof so.

Allerdings, so der Verteidiger, seien Teile der Lokalpresse darüber "in Jubel ausgebrochen". Daher fordert er Rechtsanwalt Peter auf, seine Ausführungen "mit Zielrichtung auf seine Fans im Pressebereich" zu unterlassen. Schwenn hält auch die "Engelsgeduld" des Gerichts mit der Nebenklage für übertrieben: "Irgendwann ist mal Redaktionsschluss."


Lauter Nebelkerzen

Die Retourkutsche kommt sofort. "Was die Presse denkt, ist nicht mein zentrales Problem", erklärt Peter und weist die Vorhaltungen des Verteidigers zurück. Der Beweisantrag zur Sachkunde der Diplom-Psychologin Drexler-Meyer sei völlig sachlich. Von "Beleidigung" könne keine Rede sein. Hier sehe man, mit welchen Mitteln die Verteidigung arbeitet, die ständig "Nebelkerzen" zündet.

Die Zweifel am Gutachten, so Peter weiter, seien durch eine fundierte Stellungnahme der Kölner Trauma-Transform-Consult GmbH begründet worden. Der Grundsatz der Waffengleichheit gebiete es, diese Fachleute anzuhören.

Während sich Rechtsanwalt und Nebenklägerbeistand Wolfram Schädler aus Wiesbaden erstaunt zeigt, "dass der Verteidiger so erzürnt ist", hält sich Staatsanwalt Daniel Götz aus der Diskussion heraus. Er stellt fest, dass sich an seiner grundsätzlichen Haltung nichts geändert habe: Ein Glaubwürdigkeitsgutachten sei ohnehin nicht notwendig gewesen.


Sprachliche Feinheit

Die gescholtene Gabriele Drexler-Meyer, Nürnberg, hält Generalvorwürfe wie "eklatante Mängel" oder "handwerkliche Fehler" für unbegründet und betont, dass ihr methodischer Ansatz richtig gewesen sei. Ferner geht sie auf verschiedene Detailfragen ein. So sei es falsch, dass sie von einer bewussten Falschaussage der Hauptbelastungszeugin ausgeht. Sie habe lediglich festgestellt, dass eine Falschaussage nicht ausgeschlossen werden könne. Eine sprachliche Feinheit - und eine wichtige dazu.

Kommentar des Kammervorsitzenden: "Die Psychologie ist eine besondere Wissenschaft - noch schlimmer als die Juristerei." Auch zur Diskussion, ob die Tochter des Angeklagten angesichts des jahrzehntelangen inzestuösen Geschehens mit Gewaltanwendung eine Vermeidungs- und Abwehrstrategie hätte entwickeln müssen, liefert Eckstein eine "fränkische" Erklärung: "Der Herrgott hat einen großen Tiergarten - der eine verhält sich so, der andere so."


"Hatte Hand und Fuß"

Bevor die Sachverständige entlassen wird, wiederholt Rechtsanwalt Peter, dass ihn die Ausführungen der Gutachterin nicht überzeugt hätten. "Da sind wir anderer Auffassung. Was sie gesagt hat, hatte Hand und Fuß", sagt der Vorsitzende der Strafkammer, die sowohl die Anhörung eines Obergutachters als auch ein Zweitgutachten ablehnt.

Dann wird Eckstein deutlich und hebt, was er manchmal tut, seine Stimme an: "Frau Drexler-Meyer ist dem Gericht seit Jahren als besonders zuverlässige Sachverständige bekannt. Das Gutachten kann nicht im Ansatz in Frage gestellt werden." Die Ausführungen seien stimmig und flüssig. Auch die Methodik sei nicht zu beanstanden. So hört sich eine Ehrenerklärung an.

Mit der Feststellung des Gerichts, dass der Angeklagte nicht vorbestraft sei, endet der Prozesstag. Und womöglich auch die Beweisaufnahme, falls keine weiteren Anträge kommen. Dann könnte am Dienstag, 3. Mai, plädiert werden.