Was hat dieser Zuhörer bloß in seinem Block notiert? Es wird spannend, als das Gericht am Freitag den Mann nach vorne ruft. "Schwenn ist doof", könnte dort stehen. Oder: Milch, Bananen, Käse - eine Einkaufsliste für den Nachhauseweg? Nichts von alledem: Der Mitarbeiter der Opferschutzorganisation Weißer Ring hat seine Eindrücke vom Verhandlungstag im Bayreuther Missbrauchsprozess absolut korrekt festgehalten. Was - im Gegensatz zu Ton- oder Filmaufnahmen im Gerichtssaal - auch nicht verboten ist.


Kein Seitenhieb auf Staranwalt

Dabei hätte man einen kleinen Seitenhieb auf Verteidiger Johann Schwenn durchaus erwarten können. Denn der Hamburger Anwalt unterstellt dem Weißen Ring gebetsmühlenartig, gemeinsam mit dem Frauenclan der Belastungszeuginnen eine Verschwörung gegen den Angeklagten inszeniert zu haben.

Der millionenschwere Patriarch (71) einer komplizierten Familie wird von seiner Tochter (49), seiner Ex-Frau und zwei Enkelinnen schwerer Sexualstraftaten bezichtigt. Der Angeklagte schweigt seit Prozessbeginn im September. Dafür redet sein Verteidiger umso mehr. Sein Mandant sei kein Vergewaltiger, sagt Schwenn. Er wirft dem Weißen Ring vor, Zeugen zu coachen und dadurch steuernd Einfluss auf den Prozessverlauf zu nehmen.

Schwenn hat besonders den regionalen Chef des Weißen Rings auf dem Kieker, der unermüdlich und unterstützt von einer Zeitung (nicht die BR und nicht infranken.de; Anm. d. Red.) seine "Pseudoermittlungen" gegen den Angeklagten fortsetze. Auch durch solche Mitschriften bestehe die Gefahr, dass weitere Zeugen beeinflusst werden.


Perfide Argumentation

Nebenklage-Anwalt Wolfram Schädler aus Wiesbaden nennt Schwenns Argumentation perfide: "Sie bauen hier einen Popanz auf. Das ist Ihrer nicht würdig." Der Bundesanwalt a.D. verwahrt sich dagegen, dass der Weiße-Ring-Mitarbeiter bloßgestellt wird. Dann müssten die Ehefrau des Angeklagten und eine Anwältin aus dem Umfeld der Verteidigung ebenfalls ihre Notizen offenlegen. Das tun sie, und wieder gibt es nichts zu beanstanden.

Vorsitzender Richter Michael Eckstein klärt sodann die außergewöhnliche Bitte des Gerichts auf, das auch schon in Frauenhandtaschen gestöbert hat: "Es hat uns einfach interessiert." Nun wisse jeder, dass der Weiße-Ring-Mitarbeiter nichts zu verbergen hat.

Nicht zum ersten Mal steht am Freitag die Begleitmusik im Vordergrund des Prozesses, in dem das Gericht eine schwierige Aufgabe hat. Denn für die angeklagten Vergewaltigungen gibt es keine Augenzeugen, so dass durch bohrende Fragen und aufwändige Recherchen die Glaubwürdigkeit der Belastungszeuginnen geprüft werden muss. Aufgrund der Gesamtkonstellation hat die Kammer umfangreiche Nachermittlungen angeordnet.

Deren Ergebnisse, die teilweise schon bekannt sind, stellt eine Kriminalkommissarin vor. Dabei scheinen sich die Alibis des Angeklagten für zwei mutmaßliche Taten zu verdichten. Unter anderem können seiner Tochter Tankquittungen zugeordnet werden, die ihre Anwesenheit an zwei genannten Tatorten mehr als zweifelhaft erscheinen lassen.


Lächeln nach Vergewaltigung?

Nach Ansicht der Verteidigung verkleinert ferner das Übergabeprotokoll für einen Phaeton-Leihwagen am Flughafen München das Zeitfenster zur Begehung einer weiteren Tat. Zudem präsentiert Schwenn die Vergrößerung eines Fotos, das eine freundlich in die Kamera lächelnde Hauptbelastungszeugin zeigt - also nichts, was auf einen massiven sexuellen Übergriff kurz zuvor hindeutet.

Der Staranwalt kommentiert den Stand des Verfahrens, das noch bis April dauern soll, auf seine Weise und spricht Staatsanwalt und Nebenklage direkt an. "Man sollte wissen, wann man das weiße Handtuch werfen muss", sagt Schwenn und gibt sich siegesgewiss.


Experte bei Maischberger

"Ich habe keines dabei", kontert Kollege Schädler, der Schwenn jederzeit Paroli bietet. Der Verteidiger lässt es sich gefallen - er schätzt den früheren Bundesanwalt, der es als Experte auch schon in eine "Menschen bei Maischberger"-Sendung gebracht hat (Tatort Gerichtsaal: Wie unberechenbar ist unsere Justiz?- 5. Mai 2015).

Der Prozess wird am 29. Dezember mit der Befragung eines Gutachters fortgesetzt, der die Hauptbelastungszeugin psychologisch untersucht hat.